Honduras |

Polarisiert, isoliert, von der Mafia unterlaufen

Die Wunden sind auch ein Jahr nach dem Putsch nicht verheilt. Politisch labil, vom Drogenhandel unterlaufen und international weiter in Quarantäne - so präsentiert sich Honduras zwölf Monate (Stichtag 28.6.) nachdem der linksliberale Präsident Manuel Zelaya im Morgengrauen noch im Pyjama von Militärs außer Landes verfrachtet wurde. Der Verbündete des venezolanischen Linkspopulisten Hugo Chavez hatte zuvor gegen den Widerstand der bürgerlichen Elite des Landes versucht, ein Referendum über seine Wiederwahl anzustrengen.

Auftragsmorde erschüttern das Land. Vor allem Journalisten befinden sich im Visier: neun starben seit dem Putsch, aber auch der oberste Drogenfahnder, Anwälte, Unternehmer und ein Neffe des Putschistenpräsidenten Roberto Micheletti. Die linke Widerstandsfront spricht von politisch motivierter Gewalt, um die Anhänger Zelayas mundtot zu machen. „Es gibt Hinweise auf eine selektive Verfolgung von Kritikern des Putsches durch staatliche Sicherheitsorgane“, bestätigt der Präsident des Komitees für Menschenrechte, Andres Pavon. Aber auch das Organisierte Verbrechen sei nicht zimperlich. Honduras ist zu einer wichtigen Drehscheibe für den Drogenschmuggel geworden, nachdem Mexiko der Drogenmafia den Krieg erklärt hat. Rund 100 Tonnen Kokain, so schätzen Fahnder, schleusen die Kartelle jedes Jahr durch das mittelamerikanische Land.

Die Straffreiheit ist nahezu total. Honduras hat eine der höchsten Mordraten weltweit, fast kein Verbrechen endet mit einer rechtskräftigen Verurteilung. „Das leistet fortgesetzten Menschenrechtsverletzungen Vorschub“, sagt Santiago Canton, Exekutivsekretär der Interamerikanischen Menschenrechtskommission, die Honduras auf die schwarze Liste der Länder gesetzt hat, in denen die Menschenrechte besonders verletzt werden. Weiter geschwächt wurde die ohnehin schon ineffiziente und politisierte Justiz durch politische „Säuberungen“. Im Husarenstreich entließ das Oberste Gericht Anfang des Jahres alle Richter, die zuvor den Putsch kritisiert hatten. Die Organisation Human Rights Watch (HRW) sprach von einem „besorgniserregenden Rückschritt für die Gewaltenteilung“. „Eigentlich sollte die Justiz für die Aussöhnung und Wiederherstellung des Rechtsstaates arbeiten“, sagte HRW-Amerika-Direktor Jose Miguel Vivanco. „Leider geschieht genau das Gegenteil.“

Als sich Lobo für die Rücknahme der Entlassungsdekrete und Versöhnung einsetzte, bekam selbst der Präsident die Macht der Putschbefürworter zu spüren: nachdem er ankündigte, dem exilierten Zelaya die Rückkehr ermöglichen, wurde ihm umgehend per sms beschieden, er solle die Klappe halten, da er sonst so enden werde wie Zelaya. Lobo denunzierte die Putschdrohungen öffentlich – nichts geschah. Zwischen den Stühlen sitzt er auch wegen der Wahrheitskommission, die den Putsch aufarbeiten soll. Die auf Druck der internationalen Gemeinschaft eingerichtete Kommission wird sowohl vom Zelaya- als auch vom Putschistenlager kritisiert.

„Die mächtigen Familien, die Honduras schon seit Generationen beherrschen, setzen Lobo unter Druck“, meint der Politologe Ajax Irias. „Sie haben kein Interesse an Aussöhnung, sondern nur an der Aufrechterhaltung ihrer Privilegien und fürchten eine Rückkehr Zelayas ebenso wie die von seinen Anhängern geforderte verfassungsgebende Versammlung.“ Lobo hingegen kämpft ums wirtschaftliche Überleben des zweitärmsten Landes der Hemisphäre: Die Wirtschaftssanktionen nach dem Putsch haben Einbußen von rund 400 Millionen Dollar mit sich gebracht – inmitten der Weltwirtschaftskrise, die Honduras ohnehin 200.000 Arbeitsplätze und drei Prozent seines Bruttoinlandsproduktes gekostet hat.

Ein schwacher Staat, ein hohes Gewalt- und Armutsniveau, extreme Mobilität durch Migration – das ist nach Worten des Sicherheitsexperten Joaquin Villalobos ein idealer Nährboden für das Organisierte Verbrechen. Seit Mexiko dem Drogenhandel den Krieg erklärt hat, haben sich die Schmuggelrouten verlagert. Honduras ist eine der neuen Drehscheiben. Täglich starten und landen Kleinflugzeuge mit dem weißen Pulver an Bord auf dutzenden illegaler Pisten. In den USA läuten Experten die Alarmglocken, Honduras sei auf dem Weg zu einem gescheiterten Staat. Washington drängt deshalb auf eine Rückkehr des nach dem Putsch international geächteten Landes in Bündnisse wie die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS). „Honduras hat alles getan, um wieder aufgenommen zu werden“, so der US-Botschafter in Tegucigalpa, Hugo Llorens. Die Europäische Union hat ihre Beziehungen normalisiert, doch auf Druck der Latinos musste Lobo vom EU-Lateinamerikagipfel in Madrid wieder ausgeladen werden. In Lateinamerika hat die Doktrin vom „präventiven und anschließend durch Wahlen legitimierten Putsch“ große Sorgen vor einer neuen Ära der US-Einmischung geweckt. Denn mit Zelaya ist immerhin ein für die USA lästiger Chavez-Verbündeter von der Bildfläche verschwunden.

Autorin: Sandra Weiss