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Partieller Schulterschluss mit der Regierung

Vergiftete Stimmung in Sucumbíos: Seit Bischof Gonzalo López Marañon aus Altersgründen abgelöst wurde, haben Mitglieder der „Heraldos del Evangelio“ die Leitung des Amazonas-Vikariats übernommen. Kirchliche und soziale Organisationen rebellieren – und werden dabei von der Regierung Correa unterstützt.

Das Schreiben aus Rom an Gonzalo López Marañon Anfang Oktober 2010 war knapp. Nach einem Satz des Dankes für die Arbeit im Vikariat Sucumbíos beschied Kardinal Ivan Dias dem 77-jährigen Bischof Gonzalo López, dass seine pastorale Sicht „nicht immer übereinstimmte mit den pastoralen Forderungen der Kirche als solche“. Aus diesem Grund werde der neue Apostolische Administrator das Vikariat reorganisieren und eine neue Art der Pastoralarbeit einpflanzen. Um diese heikle Arbeit nicht zu behindern, lege man ihm nahe, die Region zu verlassen, besser noch: in sein Ursprungsland Spanien zurückzukehren.

Bischof Gonzalo López Marañon stand mehr als vierzig Jahre lang der Kirche in der Amazonasregion im Nordosten Ecuadors vor und setzte sich unermüdlich an der Seite der armen und indigenen Bevölkerung für bessere Lebensbedingungen ein. Er arbeitete Hand in Hand mit den Menschen vor Ort, die aktiv in den Gemeinden mitarbeiten, wie auch für den Karmeliter-Orden, der seit 80 Jahren in der Region tätig ist und dem der scheidende Bischof angehört.

Beispielhafte Arbeit über Jahrzehnte

Bischof Gonzalo López Marañons Arbeit war geprägt von der „Option für die Armen“. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren sich einig: Seelsorgerliches und soziales Engagement bildeten eine Einheit. Unter Bischof Gonzalo López und seinem Team entstanden Schulen, Gesundheits- und Mütterzentren. Flüchtlinge aus Kolumbien fanden hier eine Heimat. Durch ökologische Landwirtschaft und Kooperativen wurden alternative Einkommensmöglichkeiten in einer der ärmsten Regionen des Landes geschaffen. Das Vikariat setzte sich zudem mit den Gemeinden vor Ort entschieden gegen durch Erdölunternehmen verursachte Umweltzerstörungen ein.

Berufung der „Herolde des Evangeliums“

Im Oktober 2010 berief der Vatikan den argentinischen Priester Rafael Ibarguren Schindler zum neuen Administrator des Vikariates Sucumbíos. Ibarguren gehört einer Gruppierung namens „Heraldos del Evangelio“ (Herolde des Evangeliums) oder auch „Caballeros de la Virgen“ (Ritter der Jungfrau) an. Es ist eine Vereinigung päpstlichen Rechts, die erst 2001 anerkannt wurde, sich der Weltevangelisierung verschieben hat. Ihr Vorläufer war eine Gruppe aus Brasilien, „Tradition, Familie und Eigentum“ (Tradición, Familia y Propriedad -TFP). Der Gründer der „Herolde des Evangeliums“, João Scognamiglio Clá Dias, hatte enge Kontakte zu TFP. Nach dem Tod des umstrittenen TFP-Gründers Plinio Correa de Oliveira übernahm er einen Teil der Anhängerschaft, setzte den Schwerpunkt auf „Eucharistie, Maria und Papst“ und gründete in den siebziger Jahren die „Herolde des Evangeliums“. Nach eigenen Angaben sind sie heute in mehr als 60 Ländern vertreten.

Ibarguren Schindler kam Ende Oktober nach Lago Agrio, begleitet von mehreren Priestern und einem knappen Dutzend Ordensbrüder und Laien, alle den „Herolden des Evangeliums“ zugehörig. Es gab keine öffentliche Einführung der Männer, die in strenger Ordenstracht auftreten: auf dem Habit der Herolde prangen große Kreuze in Schwertform, als Gurt dient eine Metallkette und die Füße stecken in hohen Lederstiefeln. Doch war es nicht das Aussehen, was die Menschen vor Ort am schockierte. Es waren ihr Verhalten und ihre Aktionen, mit der sie Strukturen und Bräuche umzukrempeln versuchten, ihre mangelnde Dialogbereitschaft und die Missachtung kirchlicher Gruppen, berichten Gemeindemitglieder.

Frauenfeindlichkeit

Kaum waren die „Herolde des Evangeliums“ in Sucumbíos, wechselten sie die Köchin aus, berichtet eine entsetzte Laienmissionarin: "die Herren wollen lieber von einem Mann bekocht werden." Eine Frau, die einen Altar mit Blumen schmückte und dort eine Weile betete, wurde von einem „Heraldo“ des Platzes verwiesen: sie sei eine Sünderin, Altarschmücken sei nur ihnen vorbehalten. Die „Herolde“ verlangten zudem, dass die Mädchen von der Pfarrschule ausgeschlossen werden, auch das Gymnasium solle nur noch von Jungen besucht werden.

Neben den Frauen schlug, so Zeugenberichte, auch den Afroamerikanern und Indigenen Verachtung entgegen. Respektlos sei zudem der Umgang der Neuen mit kirchlichen Mitarbeitern und Anwohnern vor Ort. Die für die Indigenenpastoral in Sucumbíos verantwortliche Mitarbeiterin schrieb: „Was uns am meisten erstaunt, ist, dass die Leute nicht den minimalsten Anstand kennen. Wenn doch jemand neu in ein Gebiet geht (und als Ausländer sowieso), schaut man doch zuerst mal, was da ist, was Brauch ist etc. Aber diese Leute dringen in ein Haus ein, stellen die Klimaanlage im kulturellen Archiv ab mit den Worten, dass es nicht notwendig sei. Sie spionieren um unsere Wohnhäuser herum, schauen durch das Fenster. – Warum klopfen sie nicht an, wie jeder erzogene Mensch, und stellen sich vor? Sie sind absolut nicht dialogfähig.“

Einladungen ignoriert

Einladungen des Pastoralrates seien ignoriert worden, die neuen Priester und Ordensleute hätten weder das Priesterseminar noch den diözesanen Klerus besucht, die legalen Instanzen des Vikariats würden übergangen, klagen Mitglieder der Ortskirche (ISAMIS - Iglesia de San Miguel de Sucumbíos), darunter Vertreter von Basisgemeinden, kirchlichen Sozialverbänden, Priester und Laien. „Anstatt in der Diözese verteilt zu wirken, wohnen alle im Bischofshaus“, empört sich eine Mitarbeiterin. „Sie gehen abends in Familien und nehmen die Fatima-Muttergottes-Statue mit. Dann hinterlassen sie das Bankkonto der Heraldos, nicht das des Vikariats. Sie gehen zu Militär, Polizei und den Reichen.“

Protest erreicht Regierung

Die Vertreter der Gruppen des Vikariats haben in mehreren öffentlichen Schreiben das Verhalten der „Herolde des Evangeliums“ angeprangert und ihnen vorgeworfen, das Lebenswerk von Bischof Gonzalo López Marañon zu zerstören. Im Januar dieses Jahres forderte eine Versammlung des Vikariats den Rücktritt des Apostolischen Administrators Ibarguren Schindler.

Der Protest erreichte sogar die Regierung. Im März kündigte Präsident Rafael Correa an, er behalte sich vor, künftig bei von Rom ernannten Bischöfen von seinem Vetorecht Gebrauch zu machen. Dies mache eine Klausel im Modus-vivendi-Vertrag von 1934 möglich, der die Beziehungen zwischen Ecuador und der katholischen Kirche regelt. Bisher war es jedoch üblich gewesen, dass die Regierungen die römischen Bischofsnominierungen ausnahmslos akzeptieren. „Wir wollen dieses Vetorecht eigentlich nicht nutzen“, sagte der praktizierende Katholik Correa. „Aber wir werden es in Anspruch nehmen, wenn versucht wird, die soziale Arbeit in Sucumbíos zu zerstören und durch eine fundamentalistische Sekte zu ersetzen, die vier oder fünf Jahrhunderte in der Vergangenheit lebt.“ Die Bischöfe müssten sich der Förderung der sozialen Gerechtigkeit widmen.

So sehr die Kirchenbasis in Sucumbíos die Ankündigung Correas mit Erleichterung aufnahm, so rasch reagierte die Ecuadorianische Bischofskonferenz: es gebe kein Vetorecht des Präsidenten, die Kirche treffe ihre eigenen Entscheidungen, unabhängig von der jeweiligen politischen Ausrichtung der Regierung. Erzbischof Antonio Arregui von Guayaquil, Vorsitzender der Ecuadorianischen Bischofskonferenz, unterstrich zudem, dass die „Heraldos“ keine „fundamentalistische Sekte“ seien.

Neue Übergangslösung soll Ruhe bringen

Dennoch zeigte Correas Vorstoß Wirkung: Nun soll doch nicht mehr Rafael Ibarguren Schindler alleine das Apostolische Vikariat in Sucumbíos leiten. Zumindest vorübergehend ist Bischof Ángel Polibio Sánchez Loayza, Sekretär der Bischofskonferenz, als „Päpstlicher Gesandter“ in Sucumbíos eingesetzt worden. Doch was sind die Aufgaben eines „Päpstlichen Delegaten“? Laut dem Gesetzbuch der Kirche (CIC 1983) soll er den „Bund der Einheit zwischen dem Apostolischen Stuhl und den Teilkirchen stärken“ und „Nachrichten über die Lage vor Ort“ an den Vatikan übermitteln.

Die Kirchenbasis in Sucumbíos bezweifelt, so in einem Blog, dass diese „Lösung“ die Lage im Vikariat verbessern wird.

Autorin: Verena Hanf