Kolumbien |

Paramilitärs und Rebellen im Dienst von Chiquita

Entgegen der Aussage des US-Bananenmultis "Chiquita Brands International", von kolumbianischen Rebellen und Paramilitärs jahrelang zur Zahlung von Schutzgeldern gezwungen worden zu sein, dürften die Transaktionen wohl eher im Sinne des Konzerns stattgefunden haben. Das legen firmeneigene Dokumente nahe, die in Übereinstimmung mit dem US-Gesetz für das Recht auf Information (Freedom of Information Act) am 7. April freigegeben worden sind.

Veröffentlicht wurden die 5.500 Seiten starken Dokumente von der unabhängigen US- Forschungsgruppe ´National Security Archive´ (NSA). Sie werfen Fragen über die Faktenlage und die außergerichtliche Einigung zwischen Chiquita und dem US-Justizministerium im Jahre 2007 auf. Der Konzern erklärte sich damals zur Zahlung von 25 Millionen US-Dollar bereit.

Das Strafgeld wurde fällig, weil Chiquita die paramilitärischen Vereinigten Selbstverteidigungskräfte Kolumbiens (AUC) finanziert hatte, die das US-Außenministerium 2001 auf die Liste terroristischer Vereinigungen gesetzt hatte. Nach Darstellung von Chiquita handelte es sich bei den ab 1997 geleisteten Zahlungen um erpresste Schutzgelder, für die die Paramilitärs angeblich keine Gegenleistung erbrachten.

Paramilitärs als Schutzpersonal geschätzt

Doch einige der frei gegebenen Dokumente lassen nun erhebliche Zweifel an der Darstellung aufkommen. So gibt eine Aktennotiz aus dem Jahre 2000 ein Gespräch zwischen Chiquita-Chef-Berater Robert Thomas und Managern der Chiquita-Niederlassung ´Banadex´ wider, denen zufolge die in Santa Marta basierten Paramilitärs eine Scheinfirma gründen wollten, um ihre Arbeit als Banadex-Sicherheitskräfte zu verschleiern. Thomas zitierte einen Teilnehmer des Gesprächs, dessen Namen aus dem Dokument gelöscht wurde, mit den Worten: "Wir sollten die Zahlungen fortsetzen, wir können vom Militär nicht den gleichen umfangreichen Schutz bekommen."

"Chiquitas offensichtlicher Quid-Pro-Quo-Deal mit Rebellen und Paramilitärs, die für zahlreiche Morde verantwortlich sind, macht das Rechtfertigungsargument des Unternehmens, das zum Abkommen mit dem Justizministerium führte, hinfällig", meint dazu Michael Evans vom NSA. "Noch wissen wir nicht, warum die US-Strafverfolger übersehen haben, was offensichtlich erscheint: dass Chiquita von diesen Transaktionen profitiert hat."

Die Justizbehörde hat auf Anfragen zu dem Fall nicht reagiert. Ed Loyd, ein Sprecher des Unternehmens, erklärte hingegen, dass Chiquita die Zahlungen allein aus der begründeten Angst vor Vergeltungsschlägen gegen eigene Mitarbeiter gezahlt habe.

"Das US-Justizministerium, das (…) mit der objektiven Analyse der Fakten befasst war, hat ALLE diese Dokumente als Teil einer umfangreichen Untersuchung gesichtet, die fast vier Jahre dauerte", schrieb Loyd in einer Email an IPS. "(Es) fanden sich KEINE Anzeichen dafür, dass Chiquita auch nur eines der mörderischen Ziele der Terroristengruppen teilte, an die zu zahlen es gezwungen war."

Kritik an geplantem US-kolumbianischen Freihandelsabkommen

Die Freigabe der Dokumente erfolgte am gleichen Tag eines Treffens, auf dem der kolumbianische Staatschef Juan Manuel Santos und US-US-Präsident Barack Obama den sogenannten Aktionsplan für Arbeitsrechte unter Dach und Fach brachten. Das Abkommen soll den US-Kongress dazu bringen, dem seit langem angestrebten Freihandelsabkommen (FTA) zwischen den beiden Ländern zuzustimmen.

Dass das unter der ehemaligen Regierung von US-Präsident George W. Bush ausgehandelte FTA solange auf sich warten lässt, hat mit Vorwürfen von FTA-Gegnern zu, Bogotá unternehme zu wenig, um die paramilitärischen Verbände zu demobilisieren. Die ultrarechten Gruppen werden unter anderem für die Ermordung tausender Gewerkschafter in den letzten 20 Jahren verantwortlich gemacht. Allein in den vergangen drei Jahren starben fast 150 Arbeitnehmervertreter, wie Kolumbiens einflussreichste Gewerkschaft ´Escuela Nacional Sindical´ (ENS) berichtete.

"Es ist wichtig, dass sich die Menschen klar machen, dass geschäftliche Aktivitäten in Kolumbien mit hohen Kosten verbunden sind, die weit über das Erpressen von Schutzgeldern hinausgehen (…) und die sich an der Zahl der von den irregulären bewaffneten Gruppen getöteten Menschen ablesen lassen", sagte NSA-Vertreter Evans.

Eigentlich sollten die AUC zwischen 2003 und 2006 demilitarisiert werden, doch Nachfolgegruppen und kriminelle Banden beherrschen auch weiterhin weite Teile Kolumbiens. "Es ist beunruhigend, dass die USA das FTA mit Kolumbien auch ohne eine vollständige Abrüstung der kolumbianischen Paramilitärs voranbringen wollen", meinte Gimena Sanchez vom ´Washington Office on Latin America´. "Auch fragen wir uns, wie viele Chiquita-ähnliche Fälle noch bekannt werden. Derzeit stehen in der Choco-Region 23 Vertreter der Palmölindustrie unter Anklage."

Kriminelle Verflechtungen

Was den FTA-Gegnern ebenfalls Sorge bereitet, ist die historische Zusammenarbeit zwischen Kolumbiens Streitkräften, Polizei, Justiz und Politikern mit den Paramilitärs. Tatsächlich legen die neuen deklassifizierten Dokumente nahe, dass die regulären Streitkräfte des südamerikanischen Landes Chiquita zu den Zahlungen ermutigt und an ihnen verdient haben.

Die meisten Zahlungen in den frühen 1990er Jahren gingen an die linken Rebellen. Eine Aktennotiz von August 1993 weist darauf hin, dass die Chiquita-Niederlassung in Turbo, einer Hafenstadt im Departement Antioquia, in dem auch Uraba liegt, Überweisungen an die kolumbianische Armee erfolgt sind. Abgewickelt wurde die Zahlung von drei US-Cent pro Bananenkiste über eine ´Bananenvereinigung´, die sich ´Agura´ nannte.

Die NSA-Dokumente deuten ferner an, dass Chiquita ab 1998 die AUC über den Umweg des umstrittenen staatlichen Convivir-Programms bezahlt hat, die der ehemalige Gouverneur von Antoquia, der spätere Staatspräsident Álvaro Uribe, offen unterstützte. Convivir war als Antwort auf die zunehmenden Guerilla-Aktivitäten gedacht und diente dem Aufbau und der Förderung privater bewaffneter ´Nachbarschaftsgruppen´.

Einer Aktennotiz von 1997 ist zu entnehmen, dass Convivir-Milizen unter militärischer Kontrolle operierten und beauftragt waren, Informationen über die Bewegungen der linken Rebellen zu liefern.

Ein weiteres Memo aus dem Jahr 2000 beschreibt ein Treffen von 1997, auf dem der berüchtigte damalige AUC-Führer Carlos Castaño den Banadex-Managern vorschlug, eine neue Convivir-Truppe namens ´La Tagua del Darien´ zu unterstützen. Dem Papier zufolge gaben Banadex-Vertreter an, keine andere Wahl gehabt zu haben, als an dem Treffen teilzunehmen, weil eine Weigerung die kolumbianische Armee, die Vertreter lokaler und bundesstaatlicher Regierungen und AUC vor den Kopf gestoßen hätte.

Beweismittel für Menschenrechtsprozesse

Die deklassifizierten Unterlagen könnten nun als Beweismaterial für die in den USA laufenden zivilgerichtlichen Prozesse verwendet werden, die im Namen der zahlreichen Mordopfer der ultrarechten Paramlitärs angestrengt wurden. Profitieren könnten auch die Familien hunderter AUC-Opfer aus Uraba, die ebenfalls Anklage erhoben haben. Sie werfen Chiquita vor, sich wissentlich zu Komplizen mit der AUC gemacht zu haben und dadurch eine Verantwortung an den Verbrechen zu tragen.

"Bleibt nur zu hoffen, dass die vom NSA veröffentlichten Dokumente dazu führen werden, dass Chiquita für die kriminellen Aktivitäten zur Rechenschaft gezogen werden", betonte Arturo Carrillo, Leiter der Menschenrechtsberatungsgruppe ´International Human Rights Clinic´ der George-Washington-Universität. Die Gruppe vertritt in einem Fall die Interessen etlicher Kläger.

Autoren: Jim Lobe und Aprille Muscara in IPS-Weltblick