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öllizenz-Vergaben bedrohen Indigene

Im Amazonasgebiet Ecuadors lebt das kleine Volk der Shiwiar, das selbst viele andere Indigene nicht kennen. Den nur noch 727 Angehörigen droht der Untergang, denn die Regierung von Präsident Rafael Correa macht sich für die Förderung von öl im Gebiet der Shiwiar stark.

In Ecuadors Schulbüchern tauchen die Shiwiar gar nicht auf. Sie leben im Südosten der Provinz Pastaza, die an Peru grenzt. Hier im Amazonasgebiet ist ihre Heimat - die neun Siedlungen liegen weit verstreut. Die Sprache der Shiwiar heißt Shiwiar Chicham, was so viel bedeutet wie „Familie, die den Wald kennt“. Nur sehr wenige der Indigenen sprechen Spanisch. Die Jungen haben sich auf ihre eigene Sprache festgelegt, da sie die Identität ihres kleinen Volkes festigen wollen.

Erster Kontakt mit der Außenwelt 1941

Traditionell sind die Shiwiar ein Kriegervolk. Sie beherrschen die Technik der Schrumpfkopf-Herstellung, auch wenn diese nicht mehr praktiziert wird. Das Gebiet der Shiwiar ist eines der isoliertesten im gesamten ecuadorianischen Teil Amazoniens. Hierher gelangt man nur im Flugzeug. Der erste Kontakt mit der westlichen Welt kam erst 1941 zustande, anlässlich des Krieges zwischen Ecuador und Peru. Dessen Auslöser war die traditionell umstrittene Grenzziehung zwischen beiden Ländern.

Das Protokoll von Rio de Janeiro aus dem Jahr 1942, mit dem der Konflikt beendet wurde, sollte Folgen für die Shiwiar haben: ihr Gebiet wurde geteilt, und Jagen und Sammeln war auf einmal nicht mehr uneingeschränkt möglich. Ecuadors Regierung errichtete entlang der Grenze einen „Sicherheitsstreifen“, der auch einige 100.000 Hektar indigenen Landes umfasste.

Sprache und Religion aufgezwungen

Mitte des 20. Jahrhunderts schließlich sorgte die Ankunft evangelikaler Missionare für eine radikale Veränderung des Lebens der Shiwiar: sie wurden zur Sesshaftigkeit gezwungen und in Gemeinden angesiedelt. Evangelisierung und Schulpflicht bedeuteten das zwangsweise Erlernen des Spanischen, die Annahme einer neuen Religion und das Tragen westlicher Kleidung. 1992 erzielten die Shiwiar einen Erfolg: dank des Protestmarsches amazonischer Völker in Ecuadors Hauptstadt Quito wurde ihnen etwa die Hälfte ihres Gebietes zugesprochen.

Als Fluch sollte sich jedoch das öl erweisen. 1972 schuf der ecuadorianische Diktator General Guillermo Rodríguez Lara das staatliche Erdölunternehmen CEPE, mit dem er die ölproduktion des Landes in den Griff bekommen wollte. Bis dahin hatte Ecuadors öl sich in den Händen des US-Multis Texaco-Gulf befunden. Erkundungen der CEPE führten auch ins Gebiet der Shiwiar. 1983/84 wurden Reserven von etwa 120 Mio. Fass öl ausgemacht. Die teure Förderung wurde allerdings nicht sofort aufgenommen, Texaco widmete sich erst einmal weiterhin seinem Schwerpunkt im Norden des Amazonasgebietes.

Eindringlinge auf heiliges Land

Im März diesen Jahres nun eröffnete die Regierung Correa eine neue Runde von öllizenz-Vergaben, von denen auch die Shiwiar betroffen sind. Dabei sollen Abkommen mit jenen Unternehmen geschlossen werden, die bereits im Amazonasgebiet des Nachbarlandes Peru tätig sind. Die Shiwiar leisten entschlossen Widerstand gegen das Projekt: Ihr Land sei heilig und voller Leben. Sein Tod würde unweigerlich auch den Tod der Indigenen bedeuten. Diese laufen daher Patrouille und halten Eindringlinge von ihrem Gebiet fern. Was bleibt ihnen auch anderes übrig? Das verfassungsmäßige Recht, angehört zu werden, steht nur auf dem Papier.

Ecuadors indigene Bewegung und andere soziale Bewegungen leisten den Shiwiar Unterstützung. Das Umweltministerium versucht derweil mit dem lächerlichen Angebot von 30 US-Dollar jährlich für jeden Hektar geschonten Waldes zu locken. Ein aussichtsloses Unterfangen, denn die Indigenen lassen sich nicht kaufen. Die Shiwiar rufen stattdessen den Interamerikanischen Gerichtshof für Menschenrechte an. Sie stellen sich auf einen langen Kampf ein.

Autor: Luis Ángel Saavedra in Noticias Aliadas, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel