El Salvador |

Neues Entwicklungsmodell gefordert

Der Bericht 2010 des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen für El Salvador plädiert für ein neues Entwicklungsmodell. Das bislang praktizierte Modell habe eine soziale Schieflage hervorgerufen.

Stattdessen werde in erster Linie auf niedrige Löhne gesetzt, um im internationalen Wettbewerb mitzuhalten. Unterbeschäftigung sei für die Mehrheit der Salvadorianer Alltag. Von 100 „wirtschaftlich aktiven“ Salvadorianern seien 44 unterbeschäftigt und sieben arbeitslos. Nur 47,6 Prozent der Frauen im arbeitsfähigen Alter nähmen am Arbeitsmarkt teil. Im Land herrsche ein hohes Niveau an Armut, die sozialen Defizite seien unübersehbar.

Im Schnitt besuchten die Salvadorianer kaum sechs Jahre die Schule. Von den Kranken erhielten 40 Prozent keine Behandlung, nur etwa 20 Prozent verfügten über irgendeine Form von Gesundheitsversicherung. Von der „wirtschaftlich aktiven“ Bevölkerung zahlten lediglich 18 Prozent in eine Pensionskasse ein. Und 68,9 Prozent der Bevölkerung El Salvadors wohne in nicht akzeptablen Zuständen. Fließendes Wasser gebe es bei 21,3 Prozent nicht und 9 Prozent könnten keinen Strom nutzen.

Menschen sind Reichtum

Der Bericht schlägt ein alternatives Entwicklungsmodell vor. Der Reichtum eines Landes bestehe vor allem in seinen Menschen, heißt es. In sie müsse investiert und ein Umfeld geschaffen werden, das die Entfaltung ihrer Fähigkeiten zulasse. Es gehe darum, die Rechte jedes einzelnen Menschen umzusetzen, und sie nicht auf dem Papier der Verfassung stehen zu lassen.

Zu dem entworfenen Leitbild gehört sozialer Zusammenhalt zwischen den Salvadorianern, der aus dem Konsens zwischen Bürgern, sozialen, wirtschaftlichen und politischen Kräften sowie der Regierung erwachse. Der Rechtsstaat müsse respektiert werden, Allgemeininteressen hätten grundsätzlich Vorrang vor Partikularinteressen.

Es müsse für anständige Arbeit und Chancengleichheit aller Bürgerinnen und Bürger gesorgt werden. Die Vertretung ihrer Interessen sei sicherzustellen. Die Verbesserung der Lebensqualität müsse nachhaltig erarbeitet werden, ohne künftige Generationen zu belasten.

Medellín 1968

Dieses am Menschen orientierte Entwicklungsmodell erinnert stark an den Begriff einer „wahrhaftigen Entwicklung“, den die lateinamerikanische Bischofskonferenz 1968 im kolumbianischen Medellín prägte. In einem ihrer Dokumente wurden der Machtmissbrauch und die Ausbeutung der Arbeiter gegeißelt.

Wahre Entwicklung bestehe im Schritt hin zu humaneren Lebensbedingungen, für jeden einzelnen und für alle. Ein wegweisender Text, der schon damals falsche Entwicklungsbegriffe in Frage stellte und die Suche nach einem neuen Entwicklungsmodell inspirierte.

Autor: Carlos Ayala Ramírez, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel, Quelle: adital