Peru |

Nachruf auf Pilar Coll

Am 15. September 2012 ist die Menschrechtlerin Pilar Coll in Lima verstorben. Ihr unermüdlicher und mutiger Einsatz für den Respekt der Menschenrechte war für viele Menschen ein inspirierendes Zeugnis.

In seiner Botschaft zum Tod von Pilar Coll hob der peruanische Befreiungstheologe Gustavo Gutierrez hervor, dass Pilar durch ihr Engagement in der Verteidigung der Menschenrechte an gefährliche Orte geführt wurde. „Ihr Leben war ein Zeugnis der Treue zu den Ärmsten der Armen, zu denen, die gesellschaftlich bedeutungslos sind in unserem Land.“

Pilar war eine gebürtige Spanierin aus Huesca, die Peru zu ihrer Wahlheimat gemacht hatte. In ihrer Kindheit erlebte sie die schlimmen Folgen von Gewalt, als während des spanischen Bürgerkrieges ihr Vater und vierzehn weitere Familienangehörige ermordet wurden. Wie sie selbst später sagte, hat diese zutiefst schmerzliche Erfahrung ihre Option geprägt, sich in ihrem Leben entschieden für die Verteidigung der Menschenrechte einzusetzen. Sie studierte Zivilrecht in Barcelona und kam 1967 nach ihrem Eintritt in ein missionarisches Säkularinstitut nach Peru. Hier war sie zunächst zehn Jahre in der Stadt Trujillo u.a. in einem Alphabetisierungsprogramm für die Insassen im Frauen- und im Männergefängnis tätig. Danach arbeitete sie im „El Agustino“, einem großen Armenviertel am Stadtrand von Lima, als Mitglied des Pastoralteams in der dortigen Jesuitenpfarrei. Dort engagierte sie sich in der Förderung von Frauen und setzte sich erfolgreich für die Gründung einer Menschenrechtskommission in der Pfarrei ein.

Einsatz für die Armen aus christlicher Überzeugung

Aus ihrem Glauben heraus war Pilar zutiefst davon überzeugt, dass eine kohärente Praxis des christlichen Glaubens untrennbar mit einem Engagement zum Schutz der Menschenrechte verbunden sei, da jeder Mensch ein Ebenbild Gottes ist und eine unveräußerliche Würde besitzt, die anerkannt und geschützt werden muss. Im Kontext Perus bedeutete dies für sie, sich insbesondere für die Armen einzusetzen, da deren Rechte häufig und auf vielfältige Weise verletzt werden. Pilar sagte hierzu: „Mir wurde immer mehr bewusst, wie sehr die Armen Gott am Herzen liegen: Ihr Leben ist in Gottes Augen kostbar. Ich weiß, dass ich als Christin nicht mit dem Rücken zu ihren Ängsten, Leiden und Hoffnungen leben kann.“

Pilar war eine Pionierin in der Menschenrechtsarbeit in Peru und hat die Menschenrechtsbewegung im Land entscheidend geprägt. Sie engagierte sich zunächst in der „Bischöflichen Kommission für die Soziale Aktion“ (CEAS). Von 1987 bis 1992 arbeitete sie dann als erste Generalsekretärin der „Coordinadora de Derechos Humanos“, einer Koordinierungsstelle für Menschenrechtsarbeit im Land, die aufgrund des internen bewaffneten Konflikts in Peru gegründet worden war. In dem genannten Konflikt geriet die peruanische Gesellschaft zunehmend in einen jahrezehntelangen Strudel von Gewalt, in dem die verschiedenen bewaffneten Akteure viele schwere Menschenrechtsverletzungen begingen. Pilar hat entscheidend dazu beigetragen, dass die „Coordinadora de Derechos Humanos“ zu einer moralischen Instanz im Land geworden ist.

30 Jahre Mitarbeit in der Gefängnisseelsorge

Auf nationaler Ebene regte sie gemeinsam mit anderen Akteuren mehrere öffentliche Kampagnen an, wie z.B. die Kampagne zur Aufklärung der Schicksale der „Vermissten“ bzw. „Verschwundenen“ und die Kampagne gegen die Todesstrafe. Zusammen mit Anderen initiierte sie die zivilgesellschaftliche Bewegung „Peru, Leben und Frieden“. Nach dem Ende des bewaffneten internen Konflikts unterstützte sie ehrenamtlich die Arbeit der „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ (WVK). Nach der Veröffentlichung des Berichts der WVK im August 2003 stieß Pilar gemeinsam mit Anderen die zivilgesellschaftliche Bewegung „Para que no se repita“ („Damit es [d.h.die Gewalt] sich nicht wiederholen möge“) an. Außerdem arbeitete sie während der vergangenen sieben Jahre ehrenamtlich in der Kommission für die Wiedergutmachungsleistungen des Staates gegenüber den Opfern von Gewalt im internen bewaffneten Konflikt.

Kennzeichnend für Pilar war zudem, dass sie seit dreißig Jahren bis zu ihrem Tod in der Gefängnispastoral tätig war. Mit großer Regelmäßigkeit besuchte sie die Insassinnen im Frauengefängnis in Chorillos (Lima) und setzte sich couragiert dafür ein, dass den Frauen dieselben Rechte wie den Männern zugestanden werden. Es war beeindruckend zu sehen, mit wie viel Aufmerksamkeit und Herzenswärme Pilar den Frauen im Gefängnis begegnete. Bezeichnenderweise richteten die Insassinnen anlässlich des 80. Geburtstages von Pilar eine große Feier im Gefängnis für sie aus und sagten ihr bei dieser Gelegenheit: „Danke, Pilar, dass du uns das Recht auf Zärtlichkeit gelehrt hast.“

Engagement für Gerechtigkeit und Menschenwürde

Die Erfahrung von Weggemeinschaft und Freundschaft mit vielen engagierten Menschen in Peru war für Pilar ein Geschenk Gottes, eine Quelle, aus der sie Hoffnung und Kraft schöpfte. Für Pilar war die Bergpredigt Jesu ein zentrales Bibelwort in ihrem Leben. Sie sagte diesbezüglich: „Ich höre die Worte der Bergpredigt als Herausforderung und als Zusage zugleich. Diese Worte geben mir Kraft für meinen Weg. Das gilt insbesondere für den Vers ‚Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie werden satt werden’.“

Allen, die Pilar näher gekannt haben, werden das gewinnende und warme Lächeln in ihren Augen, ihre starke Persönlichkeit, ihre große Wahrhaftigkeit und Empathie sowie ihr unermüdliches Engagement für Gerechtigkeit und für den Schutz der Würde eines jeden Menschen, insbesondere der Armen, in lebendiger Erinnerung bleiben.

Autorin: Birgit Weiler

Pilar Coll während einer Ehrung durch die "Defensoría del Pueblo". Foto: Instituto Bartolomé de las Casas, Peru.