Bolivien |

Morales' Machtbasis bröckelt

"Sie nehmen uns nicht ernst", brüllt Adolfo Chávez und mit ihm mehr als 1000 Indios auf dem rund 1200 Kilometer langen Weg nach La Paz. Chávez ist Vorsitzender der Indio-Organisation CIDOB, die die Stämme im Osten des südamerikanischen Landes vertritt. Viel hatten sich die Ureinwohner in Bolivien von Evo Morales erhofft, dem ersten Indio-Präsidenten auf dem Kontinent.

Doch Bolivien tritt auf der Stelle. Bislang hat der sozialistische Kurs des Landes internationale Investoren eher abgeschreckt, denn angelockt. Die Erschließung der riesigen Lithium-Vorkommen versprechen zwar in der Zukunft hohe Rohstoff-Einnahmen, doch bislang schlummert der Reichtum immer noch wenig gewinnbringend unter der Erde. Dazu wächst der Einfluss internationaler Drogenkartelle. Vor allem mexikanische und kolumbianische Drogenbarone knüpfen in Bolivien neue unheilvolle Allianzen. Nun erlebt das Land auch noch eine handfeste innenpolitische Krise.

Die jüngsten Proteste markieren einen Wendepunkt in der Beziehung zwischen dem Präsidenten und seiner bislang unerschütterlichen Machtbasis. Es ist das erste Mal, dass Morales heftiger Gegenwind aus dem Lager der Ureinwohner entgegenschlägt. Zwar genießt der 51Jahre alte Koka-Bauer immer noch eine beeindruckend hohe Zustimmungsrate von über 50 Prozent, doch ist der Aufstand der Indios eine unkalkulierbare Entwicklung.

Vor allem im Machtkampf mit den mächtigen Gouverneuren der rohstoffreichen Provinzen konnte sich Morales bislang auf die indigenen Stämme verlassen. Mehr als einmal zogen Hunderttausende Indios in Sternmärschen nach La Paz, um "ihrem" Präsidenten den Rücken zu stärken. Nun aber marschieren erste, wenn auch noch kleine Indio-Gruppen ihrerseits gegen die Morales-Regierung. Insgesamt 13 Punkte umfasst ihr Forderungskatalog: Autonomie, eigene Gerichtsbarkeit und Gebietsrückgabe sind die Anliegen.

Die Fronten sind verhärtet: "Wir werden kein Gesetz akzeptieren, dass unsere Bedürfnisse nicht berücksichtigt. Was wir tun müssen, ist Druck ausüben", kündigte Indio-Sprecher Jhonny Rojas während des Streits um das Autonomie-Gesetz unumwunden an. Autonomie-Minister Carlos Romero dagegen stellt klar: Es wird keine Gesetze geben, die nicht mit der Verfassung in Einklang stehen.

öffentlich verspottet der Präsident die vergleichsweise kleine Gruppe an Demonstranten, weil diese bereits mehr als einmal ihren Marsch für einige Tage unterbrach: "Was ist das für ein Marsch, bei dem man drei, vier Tage Pause macht und dann einfach weitermarschiert." CIDOB-Sprecher Chávez reagierte gereizt: "Es ist gar nicht gut, dass man versucht uns lächerlich zu machen." Wie sehr das Morales-Lager angesichts der wachsenden Unzufriedenheit unter den Indio-Stämmen besorgt ist, machen die öffentlichen Appelle aus dem Regierungsapparat deutlich. Die Abgeordneten der regierenden sozialistischen Partei MAS rufen die Indio-Stämme aus dem Amazonas auf, ihren Einfluss geltend zu machen, damit der Protest verpufft. "Wir sehen mit großer Besorgnis, dass einige Führer versuchen, Unruhe unter den Völkern zu stiften", sagte Senator Fidel Surco. Gelingt es nicht, den Unruhen im Keim zu ersticken, weiß Sucro was auf dem Spiel steht: "Wir dürfen den Prozess des Wechsels nicht gefährden."

Autor: Tobias Käufer