Paraguay |

Mindestens 18 Tote bei Räumung von Landbesetzung

Seit Jahrzehnten toben in Paraguay Landkonflikte um Großgrundbesitz. Kleinbauern und Landlose fordern eine Landreform und die Rückgabe unrechtmäßig erworbener Ländereien. Nun ist die Situation eskaliert: Bei der Räumung einer besetzen Hacienda kamen am vergangenen Freitag mindestens 18 Menschen ums Leben.

Beim Versuch von Sicherheitskräften, ein seit drei Wochen von landlosen Bauernfamilien besetztes Landgut im Departement Canindeyú zu räumen, sind am vergangenen Freitag mindestens 18 Personen getötet worden. Mindestens 80 Personen sollen bei stundenlangen Gefechten verletzt worden sein, noch immer werde nach Vermissten gesucht. Unter den Toten sind nach offiziellen Angaben elf Polizisten. darunter auch der Chef der Spezialeinheit sowie dessen Stellvertreter.

Präsident Fernando Lugo bedauerte die gewaltsamen Auseinandersetzungen und ordnete die Entsendung des Militärs in die Konfliktregion an. Zudem entließ er Innenminister Carlos Filizolla sowie den Polizeichef des Landes, Paulino Rojas. Gesundheitsministerin Esperanza Martínez bestätigte, dass angesichts der Krise eine Kommission in die Region entsandt worden sei.

Schusswechsel zwischen Polizei und Landlosen

Die Landbesetzer hätten auf die Sicherheitskräfte geschossen, weshalb die Polizei „darauf auch hat reagieren müssen“, verteidigte Filizolla den Einsatz. Man habe auf Grundlage eines Räumungsbefehls gehandelt, so der ehemalige Innenminister. Die Regierung Lugo erklärte, unter die Landlosenbewegung „Nationale Liga der Zeltbewohner“ hätten sich bewaffnete Kräfte der linksextremen Guerilla-Organisation „Heer des Paraguayischen Volkes“ (EPP) gemischt.

Rund 200 Sicherheitskräfte und Landbesetzer hatten sich am Freitag stundenlange Auseinandersetzungen mit Schusswaffen geliefert. Gegen zwölf Bauern sei Anklage erhoben worden, gegen weitere 46 Bauern wurde ein Versäumnisurteil verhängt. Angehörige der Landlosen hatten gegenüber Journalisten erklärt, dass sich noch mindestens 40 Bauern versteckt hielten, weil sie Übergriffe und ihre Verhaftung fürchteten.

Unrechtmäßige Aneignung von Großgrundbesitz

Die mehrere Tausend Hektar große Hacienda „Morumbí“ mit der Ansiedlung Ybyrá Pytá, wo die Auseinandersetzungen stattfanden, befindet sich im Osten Paraguays. Sie liegt etwa 380 Kilometer östlich der Hauptstadt Asunción an der Grenze zu Brasilien und befindet sich im Besitz des Unternehmers und ehemaligen Senators Blas N. Riquelme.

Landbesetzer sowie Bauernverbände hatten einen Prozess gegen Riquelme wegen illegaler Aneignung staatlichen Besitzes initiiert. Sie werfen ihm vor, sich das Land unrechtmäßig während und nach der Stroessner-Diktatur (1954-1989) angeeignet zu haben.

In erster Instanz hatte jedoch der ehemalige Vorsitzende der Handelskammer und Vorsitzende der Colorado-Partei (1990-1994) Recht erhalten. Die Staatsanwaltschaft legte daraufhin Berufung ein. Laut der paraguayischen Wahrheitskommission, die bis 2008 Verbrechen der Diktatur unter General Alfredo Stroessner untersuchte, habe es bei der Übergabe des Landguts an Riquelme 1975 zahlreiche Unregelmäßigkeiten gegeben.

Landverkäufe an brasilianische Soja-Unternehmer

Laut José Rodríguez vom Nationalen Verband der Landlosen, sei die Ursache für den Widerstand der Bauern in der Tatenlosigkeit der Regierung angesichts der Kämpfe um Land zu suchen. Kleinbauern und Landlose im Südosten Paraguays versuchen bereits seit Jahrzehnten eine gerechtere Landverteilung zu erwirken. Die Landkonzentration ist in dem rund sechs Millionen Einwohner zählenden südamerikanischen Land extrem hoch: Rund Achtzig Prozent des Bodens sind im Besitz von nur zwei Prozent Bewohner.

Laut Kleinbauern und Landlosen hätten sich Militärs und ehemalige Mitstreiter des Diktators Alfredo Stroessner rund 167.000 Hektar Primärwald unter den Nagel gerissen und an brasilianische Soja-Unternehmer weiterverkauft.

Autorin: Bettina Hoyer