Mexiko |

"Meine Mission ist noch nicht beendet"

Alejandro Solalinde Guerra hat es in Mexiko zu tragischer Berühmtheit gebracht. Kein Tag vergeht, ohne dass neue Details über das "Exil" des katholischen Pfarrers in den mexikanischen Medien auftauchen. Der Priester, der standhaft der organisierten Kriminalität in seinem Heimatland trotzt, ist zu einer Symbolfigur geworden. Der in Texcoco geborene Geistliche sei auf der Flucht vor Morddrohungen der mexikanischen Drogenmafia und von ihr gekaufter Politiker, schreiben die Medien. Solalinde selbst sieht das etwas differenzierter, spricht von einer lange geplanten Auslandsreise an deren Ende die Rückkehr in die Heimat steht.

Mexiko verfolgt gebannt die jüngsten Ereignisse, denn längst steht der Fall des 47-jährigen Alejandro Solalinde für den Kampf des Guten gegen das Böse. Solalinde kämpft für die Menschlichkeit, für die Rechte der illegalen lateinamerikanischen Einwanderer, die durch Mexiko reisen, um von dort über die Grenze in die USA zu gelangen. Während der Reise lauern viele Gefahren. Die Drogenmafia entführt die Migranten zu Tausenden, zwingt sie zum Drogenhandel, zu Prostitution, Erpressung und Menschenhandel. Von der mexikanischen Polizei, die selbst von der allmächtigen Drogenmafia unterwandert ist, ist keine Unterstützung zu erwarten. Da sich die Einwanderer ohne Visum illegal in Mexiko aufhalten, sind sie praktisch rechtlos.

Solalinde hat eine Unterkunft errichtet, in der die Migranten Schutz finden. Das aber ist der Drogenmafia ein Dorn im Auge, weil es ihre schmutzigen Geschäfte stört. Immer wieder wurde Solalinde zum Ziel von Morddrohungen, doch der Mexikaner bleibt bis heute standhaft. So ernst wie jetzt war die Situation allerdings noch nie. An einem Geldautomaten erfuhr er vor wenigen Tagen von einem Unbekannten, dass sein Auftragsmörder schon bestellt und bezahlt sei.

Offiziell ist Solalinde als Koordinator der sozialpastoralen Arbeit in der mexikanischen Diözese Tehuantepec tätig. Eben wegen dieser Arbeit muss er nun um sein Leben fürchten. Sowohl die Mexikanische Bischofskonferenz als auch Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International haben ihm dringend geraten, für eine Weile im Ausland Schutz zu suchen.

In einem TV-Interview mit einem US-Sender versuchte Solalinde nun den Spieß umzudrehen und erhob schwere Vorwürfe gegen mexikanische Politiker. Umgerechnet knapp 300.000 Euro soll die Mafia für seine Ermordung ausgesetzt zu haben. Namentlich bezichtigte Solalinde die beiden ehemaligen Gouverneure Ulises Ruiz aus dem Bundesstaat Oaxaca und Fidel Herrera aus Veracruz, ein Klima des Hasses gegen ihn geschaffen zu haben. Dabei streckte er ein Notizbuch in die Höhe und sagte drohend: "Ich habe alles aufgeschrieben." Unter den beiden genannten Gouverneuren sei die Zahl der Entführungen von Migranten besonders hoch gewesen.

Unterdessen ist im Land eine Diskussion über die Sicherheit des Priesters entbrannt. Solalinde hätte besser und effektiver beschützt werden müssen, schreiben Zeitungskommentatoren. Ein öffentlich mit dem Tod bedrohter Priester müsse unter dem Schutz von Polizei und Armee stehen. Auch die Interamerikanische Menschenrechtskommission CIDH kritisiert, der Staat habe den Priester schutzlos seinem Schicksal überlassen. Dem widerspricht die Regierung. Das zuständige Sekretariat (Segob), das auch für die Sicherheit von Papst Benedikt XVI. während dessen Mexiko-Besuch im März zuständig war, habe alle notwendigen Maßnahmen zum Schutz Solalindes ergriffen. Zudem sucht die Behörde eigenen Angaben zufolge mit Hochdruck nach den Urhebern der Morddrohungen, bislang allerdings erfolglos.

Wann Solalinde nach Mexiko zurückkehren wird, ist völlig offen. Derzeit befindet er sich in den USA, auch eine Reise nach Europa ist geplant. Nur eines hat Solalinde ausgeschlossen, die Kapitulation vor der Mafia: "Meine Mission ist noch nicht beendet."

Quelle: Tobias Käufer, KNA