Peru |

Medien-Zensur ?• la peruana

Im Vorfeld der Stichwahl am 5. Juni macht die Mehrheit der Medien Stimmung gegen den Präsidentschaftskandidat Humala. Journalisten werden in ihrer Pressefreiheit eingeschränkt, berichtet Hildegard Willer aus Peru.

Paul Lazo ist ein besonnener Mann in einem Umfeld, in dem es gar nicht besonnen zu und her geht. „Meine Devise ist es, die Leidenschaft aus der Nachricht zu nehmen und einfach sachlich zu berichten“, sagt der 42-jährige Journalist. Jeden Abend kommentiert er im Regionalfernsehen von Puno die Themen des Tages und bringt damit die erhitzten Gemüter wieder zu etwas Vernunft. Denn in Puno, der auf 4000 Meter Höhe am Titicacasee gelegenen Andenstadt, vergeht kaum ein Tag ohne Demonstrationen gegen die eine oder andere Sache.

Erinnerung an Verbrechen abträglich

Am 2. Mai allerdings half Paul Lazo auch seine Besonnenheit nicht mehr. Der Rektor der staatlichen Universität del Altiplano, auf dessen Fernsehsender Paul Lazos Programm ausgestrahlt wird, nahm seine Sendung aus dem Äther. Der Grund: Paul Lazo hatte den Dokumentarfilm „Der Schlund des Teufels“ ausgestrahlt. Der Film zeigt, wie der renommierte Journalist Edmundo Cruz die Massengräber erschossener Studenten der Universität La Cantuta findet, die Hintergründe des Verbrechens recherchiert und veröffentlicht.

Das Verbrechen der Paramilitärs geschah vor 18 Jahren. Der dafür zuständige Präsident Alberto Fujimori sitzt deswegen eine 25-jährige Haftstrafe ab. Seine Tochter Keiko Fujimori dagegen möchte am 5. Juni von den Peruanern zur nächsten Präsidentin Perus gewählt werden, und die Erinnerung an die Übeltaten ihres Vaters ist ihr dabei abträglich.

Offene Wahlwerbung für Keiko Fujimori

Der Wahlkampf zwischen Keiko Fujimori und dem Ex-Militär Ollanta Humala wird in den Medien mit ungleichen Bandagen geführt. Die Tatsache, dass Fujimori und Humala dem rechts- bzw. linksextremen Lager zugerechnet werden, hat die peruanische Gesellschaft polarisiert. Da Keiko Fujimori betont, das liberale Wirtschaftsmodell, mit dem Peru seit 20 Jahren einigermaßen gut fährt, nicht anzurühren, hat sich die Wirtschaftselite, aber auch weite Teile der städtischen Mittelschichten,auf Fujimoris Seite geschlagen. Alle Fernsehsender – die bis auf einen in privater Hand sind – sowie fast alle Tageszeitungen Perus machen inzwischen recht offene Wahlwerbung für Fujimori. Zwei Tageszeitungen haben sich ebenso vehement der Kandidatur Humalas verschrieben.

Selbst die angesehene Mediengruppe „El Comercio“ – die älteste und seriöseste Tageszeitung Perus – hat zum Kampf gegen Humala aufgerufen. Sie befürchten, dass Humala Peru in ein chavistisches Venezuela verwandeln könnte. Dabei beschränken sich die Medieneigentümer nicht auf die Leitartikel, sondern greifen auch in die Nachrichtenredaktion ein. Zwei langjährige Nachrichtenredakteure des angesehenen Senders „N“, der zur Comercio-Gruppe gehört, mussten gehen, weil sie die neue politische Linie ihres Mediums nicht mittragen wollten.

Die beliebte Nachrichtensprecherin Josefina Towsend kritisierte die Eingriffe in ihre journalistische Arbeit vor laufender Kamera - bisher ohne arbeitsrechtlichen Konsequenzen.

Freiwillige Kündigung

Bei den Lokalmedien außerhalb Limas wird zensiert. Ebenso wie Paul Lazo in Puno wollte der Lokaljournalist José Soriano aus Huancayo über die bevorstehende Vorführung des Filmes „Des Teufels Schlund“ in seinem Heimatort berichten. Nachdem seine Zeitung ihm das untersagte, weil diese Ankündigung nicht der politischen Linie entsprach, kündigte Soriano von sich aus.

Auslandspresse befremdet

Das Medien-Bashing gegen Humala löst inzwischen auch bei der in Peru akkreditierten Auslandspresse Befremden aus. Bei einer öffentlichen Debatte in der Jesuiten-Universität Ruiz de Montoya, äußerten sie ihr Unbehagen angesichts der so eindeutigen Parteinahme der Medien. „Die Parteinahme geht auch in die Nachrichten hinein, so dass selbst die Nachrichtenabdeckung subjektiv wird“, sagt Time-Korresponden Lucien Chauvin .

Das Medien-Bashing gegen Humala zeigt erste Früchte. Bei Meinungsumfragen führt Fujimori mit bis zu fünf Punkten vor Humala. Allerdings könnte Humala letztlich genau dies zugute kommen. Er wäre nicht die erste „mediale Zielscheibe“, mit der sich die Wähler solidarisieren aus Unmut gegenüber den als übermächtig empfundenen Medien.

Hildegard Willer, Lima