Kolumbien |

Medien "entdecken" den Frieden

Was behindert den Friedensprozess in Kolumbien am meisten? Diese Frage haben sich Insidern zufolge die Verhandlungsführer von Regierung und Guerilla während der kürzlich wieder aufgenommenen Friedensverhandlungen in der Hauptstadt Bogotá gestellt. Ihre Antwort: die Verunglimpfung des Wortes "Frieden" durch die Medien.

Für Enrique Santos, den ehemaligen Eigentümer der Tageszeit ´El Diario´, ist das kein Problem: "Das klären wir innerhalb von zwei Wochen." Der Journalist ist zudem der ältere Bruder des 2010 gewählten Präsidenten Juan Manuel Santos. Bei den erneuten Annäherungen zwischen Regierung und Guerilla hat er eine große Rolle gespielt. Die Friedensverhandlungen mit den linken Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC) begannen vor eineinhalb Jahren mit informellen Gesprächen. Im Februar dieses Jahres wurde ihnen ein formeller Rahmen gegeben, doch erst am 27. August machte Präsident Santos öffentlich bekannt, dass Verhandlungen aufgenommen wurden.

Doch so einfach, wie Enrique Santos die Situation darstellt, ist sie in den Augen anderer Journalisten nicht. Tatsächlich müsse man in erster Linie die Berichterstatter verändern und das sei kein leichtes Unterfangen, meint der bekannte Reporter Javier Darío-Restrepo, der Mitglied des Ethischen Rates der Stiftung für einen neuen Journalismus in Lateinamerika (FNPI) ist, den der kolumbianische Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez gegründet hat.

Kult um das Präsidentenamt erschwert objektive Berichterstattung

Gegenüber dem rechtsgerichteten Präsidenten Álvaro Uribe (2002 bis 2010) verhielten sich die meisten Berichterstatter "absolut unterwürfig", sagt Restrepo. Die Medien waren fast ausschließlich in den Händen des Militärs und feierten jeden Schlag gegen die Guerilla als weiteren Schritt auf dem Weg zum Sieg. Jeder, der von Frieden sprach, wurde verhöhnt oder Unterstützung der Guerilla beschuldigt. Uribe setzte eine Verfassungsreform durch, um seine Wiederwahl zu sichern. Eine dritte Amtsperiode verhinderte dann aber doch das Verfassungsgericht. Daraufhin schwand langsam auch sein unantastbares Image.

"Die Presse hat sich langsam von dem Bild Uribes als Messias verabschiedet. Tatsächlich wird in letzter Zeit auch immer mal Kritik an ihm geäußert. Und warum? Weil jetzt Juan Manuel am Hebel der Macht sitzt", sagt Restrepo. "In Kolumbien wird eine Art Kult um den jeweiligen Präsidenten betrieben. Das ist das, was mir in Bezug auf unsere Presselandschaft am meisten Sorgen bereitet. Dadurch können die Journalisten weder gute Analysen abgeben, noch den Machtmissbrauch der Politiker aufdecken."

Mentalitätswandel ist Voraussetzung für eine Kultur des Friedens

Seit dem 27. August sind in den Zeitungsständern immer mehr Überschriften zu lesen, die den Frieden heraufbeschwören. Es ist möglich, dass sich der Frieden künftig besser verkauft als der Krieg – und dass demnächst Studien veröffentlicht werden, die die neue politische Linie decken. Auf einer Titelseite eines Blattes wird einer der Verhandlungsführer der Guerilla mit den Worten "Santos ist Realist" zitiert. Auf einer anderen prangt der Satz "Der Frieden steht über allem", geäußert von Javier Zapata Ortiz, Präsident des Obersten Gerichtshofes. Schließlich darf im katholischen Kolumbien die Kirche nicht fehlen, und so titelt eine Zeitung: "Der Papst gibt dem Friedensprozess seinen Segen."

Restrepo bleibt jedoch skeptisch. "Wenn wir eine Kultur des Friedens in Kolumbien wollen, die dem Leben an sich Respekt zollt, dann müssen wir die Mentalität der Journalisten ändern." Man müsse ihnen auch Anreize dafür schaffen – zum Beispiel in Form von Preisen und Belobigungen. "Journalisten lieben es, wenn man ihre Arbeit auszeichnet." Wichtig sei aber auch, dass sie ihre Arbeit selbst kritisch betrachteten. "Das alles ist ein langer Prozess."

Quelle: IPS, Autorin: Constanza Vieira, Deutsche Bearbeitung: Johanna Treblin

"Wenn wir eine Kultur des Friedens in Kolumbien wollen, dann müssen wir die Mentalität der Journalisten ändern." sagt Javier Daniel Darío Restrepo, Journalist und Mitglied im Ethikrat der Stiftung für einen neuen Journalismus in Lateinamerika (FNPI). Foto: flickr/Artículo 19