Venezuela |

Malaria, Rattenkot und ein Labyrinth der Improvisation

In der verlassenen, staatlichen Kinderklinik J.M. De los Rios in Caracas werden wegen der katastrophalen Bedingungen nur noch wenige Kinder behandelt. Foto: Sandra Weiss.
In der verlassenen, staatlichen Kinderklinik J.M. De los Rios in Caracas werden wegen der katastrophalen Bedingungen nur noch wenige Kinder behandelt. Foto: Sandra Weiss.

Im zweiten Stock türmt sich Bauschutt. Es zieht durch die offenen Löcher, die einmal Fenster waren. Seit zwei Jahren stocken die Renovierungsarbeiten. Die Krankenhausapotheke wurde beim Bruch eines Abwasserrohrs überschwemmt und vorübergehend verlegt in die Röntgenräume.

Geröntgt wird selten, denn fast alle Apparate sind kaputt und die übrigen wurden im Untergeschoss zwischengelagert. Das J.M. Rios ist ein Labyrinth der Improvisation. "Nicht einmal wir Ärzte finden immer auf Anhieb das, was wir suchen", scherzt Huniades Urbina. Er war bis vor kurzem Direktor des Hospitals, wurde aber abgesetzt, nachdem er die hanebüchenen Zustände dort angeprangert hatte.

Auf Umwegen hat er uns an der bolivarischen Nationalgarde vorbeigeschleust, denn der Presse ist der Zugang zu Krankenhäusern verboten. Aber Urbina ist wütend. "Wir haben Milliarden aus dem Erdölverkauf eingenommen, und hier sterben uns die Patienten weg", sagt er. Das geklinkerte, 60 Jahre alte Hospital, hätte längst von Grund auf saniert werden müssen, doch nicht einmal die Wartung ist gewährleistet. Von drei Aufzügen funktioniert nur einer. Die Kindersterblichkeit, die im Jahr 2005 auf ein historisches Tief von 13 pro Tausend gesunken war, liegt nun bei 17,6. Die Zahlen stammen aus Erhebungen der Ärztekammer, offizielle Statistiken malen ein rosigeres Bild.

Malaria breitet sich aus

"Früher gab es 146 pharmazeutische Labors in Venezuela, 100 haben geschlossen", sagt der ehemalige Gesundheitsminister Felix Oletta. Impfstoffe sind rar, ebenso wie Empfängnisverhütungsmittel und Antibiotika. Epidemien wie Malaria breiten sich rasant aus. Dabei war Venezuela das erste Land weltweit, dessen Städte 1961 von der Welt-Gesundheitsorganisation als Malaria-frei zertifiziert wurden.

Die sozialistische Regierung, die das Recht auf Gesundheit in der Verfassung festschrieben ließ, wurde vom Fall der Erdölpreise vor drei Jahren kalt erwischt. Dem Staat geht das Geld für Importe von Medizin, Nahrungsmitteln und Apparaten aus; das wenige, was ins Land kommt, wird aufgrund von Preis- und Devisenverkehrskontrollen auf den Schwarzmarkt abgezweigt. Heute zahlen die Venezolaner einer Erhebung zufolge 65 Prozent ihrer Gesundheitsausgaben aus eigener Tasche - mehr ist es nur noch in Aserbaidschan und Afghanistan. Venezuela steuert auf einen sanitären Notstand zu, befand das von der bürgerlichen Opposition kontrollierte Parlament. Doch der Oberste Gerichtshof, in der Hand der Sozialisten, annullierte diese Kapitulationserklärung, die internationale, humanitäre Hilfe ermöglicht hätte.

Sanitärer Notstand

Auf der Intensivstation des J.M. de los Rios wischt eine Mutter den Boden auf, das Putzmittel hat sie selber mitgebracht. Für Putzen, Kochen und Sicherheit sind auf Weisung der Regierung die Mitglieder der regierungsnahen, bolivarischen Zirkel aus den Armenvierten zuständig. Doch die ungelernten Kräfte haben keine Ahnung, wie man ein Krankenhaus steril hält, und wenig Interesse an einem Job, der ein Mindestgehalt einbringt, von dem man nicht einmal den Wocheneinkauf bestreiten kann.

Die vor drei Jahren renovierte Küche ist verriegelt. Sie wurde geschlossen, nachdem sich Patienten über Kakerlaken und Rattenkot im Essen beschwerten. Seit ein paar Wochen werden die internierten Patienten von Restaurants versorgt, die von den katastrophalen Zuständen gehört haben. Ohne Privatspender ginge gar nichts mehr. Die Station für Nierenkranke konnte Urbina dank einer solchen Zuwendung renovieren.

Lange Wartelisten für Spenderorgane

Dort wartet Dayana Palacios für ihren siebenjährigen Sohn Abraham auf eine Dialyse. "Ich finde nirgendwo Kalzium oder das Medikament gegen Bluthochdruck", klagt Palacios. Um die Medizin überteuert auf dem Schwarzmarkt zu kaufen, verzichtet sie auf Mahlzeiten. Es ist ein Teufelskreis. Abraham ist zu dünn für sein Alter. Vor drei Jahren fing er sich eine Bakterie ein, die sich in seinem unterernährten Körper in der Niere festsetzte. "Er wog damals nur 15 Kilo", erzählt die alleinerziehende Mutter, die ab und zu als Friseurin arbeitet.

Abraham braucht eine Spenderniere, doch die Warteliste ist lang. "Früher transferierten wir hier zwei Nieren wöchentlich", erzählt Nefrologe Urbina. "Jetzt höchstens noch eine im Monat, weil das Spenderprogramm kollabiert ist.“ Sieben von neun OP-Sälen sind ausserdem geschlossen, weil sie nicht mehr steril sind. Derzeit gibt es nicht einmal antibakterielle Flüssigseife.

Ärzte verlassen das Land

Im ganzen Land warten nach Schätzungen Olettas 400.000 Menschen auf eine OP. "Vor eineinhalb Monaten haben wir den letzten Herzschrittmacher verpflanzt", erzählt er. Wer kann, wandert in die privaten Hospitäler ab, doch auch dort wird die Situation immer kritischer, wie ein privat tätiger Gynäkologe erzählt, der aus Angst vor Repressalien anonym bleiben will. "Ich gebe den Patienten Blanko-Rezepte", erzählt er. "Sie kaufen dann einfach das Antibiotikum, das es gerade gibt, und ich passe die Dosis per Telefon an." Derzeit sucht er verzweifelt Misoprostol, ein Mittel zur Abtreibung, für eine Patientin, deren 12 Wochen alter Fötus tot ist. Doch es ist nicht einmal bei den mit staatlichen Importeuren vernetzten Schwarzmarkthändlern zu bekommen, die Medikamente zum zehnfachen des regulierten Preises verkaufen.

Viele Ärzte haben aufgegeben und das Land verlassen. Am J.M. de los Rios sind von einst 38 Anästhesisten nur noch fünf übrig. Nachwuchs fehlt. Jesus Aguilarte ist Medizinstudent und absolviert am Kinderkrankenhaus sein Praktikum. Der 30-jährige tut, was er kann, ist aber zunehmend frustriert: "Es fehlt an allem, und die Technologie ist veraltet." Wie viele seiner Kollegen fürchtet er, irgendwann vor Gericht gezerrt zu werden, wenn etwas bei der Improvisation schief läuft. "Der Staat wird dann uns die Schuld in die Schuhe schieben", sorgt er sich. Monatlich verdient er 35.000 bolivares. Das sind zum Schwarzmarktpreis umgerechnet 35 Euro - so viel, wie ein Wocheneinkauf auf dem Großmarkt kostet. "Wenn das nicht bald besser wird, geh ich ins Ausland", seufzt er.

Autorin: Sandra Weiss