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Maduros letztes Öl-Juwel

 

Über Jahre haben die sozialistischen Machthaber in Caracas gut von ihrer Ölindustrie gelebt. Mit den US-Sanktionen könnte es für Nicolás Maduro mit dem Dollar-Regen nun endgültig vorbei sein.

Präsident Maduro bei seiner Vereidigung im Januar 2019 (Foto: Presidencia El Salvador, Flickr, CC0 1.0)

Für die Regierung in Caracas war die Gleichung jahrelang sehr einfach: Das schwere Rohöl Venezuelas kam mit dem Schiff in die USA. Dort übernahm Citgo die Ware. Die Tochter der staatlichen venezolanischen Ölgesellschaft PDVSA verfeinerte das Öl dann in ihren eigenen Raffinerien und verkaufte das Benzin an den Citgo-Tankstellen. Die Dollar-Einnahmen gingen dann nach Caracas. Auch wenn die USA und Venezuela seit der Amtsübernahme von Hugo Chavez 1999 zumindest rhetorisch anhaltend an der Schwelle zum Krieg standen – Citgo machte weiter seine Geschäfte und in Caracas regnete es Dollars.

Das will die Trump Regierung nun beenden. Alle Öl-Geschäfte Venezuelas in den USA dürfen weiterlaufen, Geld regnet es aber nur noch auf sogenannte Sperrkonten. Diese will die US-Regierung dem selbst ernannten Übergangspräsidenten Juan Guaidó zugänglich machen. Für den venezolanischen Politologen Ivo Hernández, der an der Uni Münster forscht, hat der Schritt etwas Historisches: "Die USA waren die einzige regelmäßige Devisenquelle für Venezuela - kurz bis mittelfristig ist das ein schwerer Schlag gegen Maduro", so Hernández. Günther Maihold von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) ist da etwas zurückhaltender: "Es kommt nun darauf an, auf welche alternativen Einnahmequellen Venezuela nun noch zurückgreifen kann." Präsident Maduro war nach der Sanktionsentscheidung der USA sichtlich verärgert. "Sie wollen uns Citgo stehlen", polterte er in einer Fernsehansprache. Venezuela wolle vor US-Gerichten gegen die Entscheidung kämpfen.

Niedergang der venezolanischen Ölindustrie

Citgo ist schon über 100 Jahre alt. In den 1980er-Jahren war es eines der größten Ölunternehmen der USA. 1986 kaufte sich PDVSA zur Hälfte ein, 1990 dann ganz. Wer die Bedeutung von Citgo für das heutige Venezuela verstehen will, der muss auf PDVSA blicken. Der staatliche Ölkonzern Venezuelas agierte jahrzehntelang autonom, war sehr profitabel und expandierte auch im Ausland. Hugo Chávez versuchte, mit den PDVSA-Einnahmen seine Sozialprogramme zu finanzieren. Funktionäre und Mitarbeiter von PDVSA stellten mit monatelangen Generalstreiks die Machtfrage. Chavez gewann.

"PDVSA-Arbeiter sind für diese Revolution, und die, die es nicht sind, sollten woanders hingehen. Geht nach Miami", sagte Chavez. Im Jahr 2003 hatte er knapp 18.000 PDVSA-Streikende zu "Staatsfeinden" erklärt und entlassen. Kritiker sehen in der völligen Vereinnahmung durch den Staat auch den Beginn des Niedergangs des venezolanischen Ölsektors. Nach und nach stießen die Sozialisten die internationalen Beteiligungen von PDVSA ab: 2010 gingen die Anteile an der Ruhr Oel Gmbh - ein Gemeinschaftsunternehmen mit BP, das vier Raffinerien in Deutschland hatte - an den russischen Ölkonzern Rosneft. Von den einst 3,5 Millionen Barrel pro Tag im Jahr 1998 ging die Förderquote Venezuelas bis 2017 auf knapp zwei Millionen Barrel zurück. Im vergangenen Jahr führte das Land wegen der der anhaltenden Wirtschaftskrise dann nur noch 1,2 Millionen Barrel aus, schätzt die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC).

Citgo ist der letzte Geldbringer

Citgo kann in seinen Raffinerien in den USA nach eigenen Angaben täglich 750.000 Barrel verarbeiten. Das restliche Öl Venezuelas geht nach Russland oder China, vermutet der Politologe und Energieexperte Hernández. "Dafür gibt es aber wohl kein frisches Geld, sondern die Lieferungen dienen als Gegenleistung für Kredite." Tatsächlich wäre Maduro wohl ohne seine Unterstützer in China, Türkei, Iran und Russland am Ende. Laut Berichten könnte allein China zwischen 50 und 60 Milliarden US-Dollar an Krediten gegeben habe, die in Öl zurückgezahlt werden. In den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres importierte die Volksrepublik laut der Finanzagentur Bloomberg 340.000 Barrel Öl pro Tag.

In Venezuela stammen deutlich mehr als 90 Prozent aller Deviseneinnahmen aus dem Ölexport. Als letztes Juwel des Überseegeschäfts ist Citgo somit Maduros Devisenbringer. Doch auch bei Citgo sind von dem einst stolzen Netzwerk von rund 14.000 Tankstellen nur noch circa 5000 übrig, von den einst acht Raffinerien bleiben noch drei. Weil das Maduro-Regime unter chronischer Geldnot leidet, hat Venezuela 49,9 Prozent an Citgo als Sicherheit beim russischen Rosneft-Konzern hinterlegt. Insgesamt soll Russland nach Schätzungen bereits 17 Milliarden Dollar an Venezuela verliehen haben.

Russland stellt sich wohl auch deshalb hinter Venezuela und kritisierte die US-Sanktionen. Man werde seine Interessen "innerhalb des internationalen Rechtsrahmens" schützen, hieß es aus dem Kreml. Verlässliche Zahlen gäbe es aus Venezuela kaum noch, sagt Lateinamerikaexperte Günther Maihold von der SWP. "Da die Kooperation mit den internationalen Organisationen eingestellt wurde, liefert Venezuela auch keine Daten mehr."

Venezuela hat kaum Alternativen

Günther Maihold sieht beim Vorgehen der USA rechtliche Probleme. "Man kann die Besitzverhältnisse nicht einfach missachten - das würde einem Prinzip der Weltwirtschaft und auch der US-amerikanischen Wirtschaft widersprechen." John Bolton, Trumps nationaler Sicherheitsberater, will nun Guthaben von sieben Milliarden Dollar direkt einfrieren. Durch die Öl-Geschäfte könnten nochmals elf Milliarden im Lauf des Jahres zusammenkommen.

Sollten die USA das tatsächlich umsetzen, könnte Venezuela die Belieferung von Citgo mit Rohöl stoppen. Doch auch dadurch könnten kurz- bis mittelfristig keine neuen Einnahmequellen erschlossen werden, sagt Ivo Hernández. Es gebe mehr Erdölsorten als Parfüms. "Die Raffinerien sind auf bestimmte Sorten festgelegt", so der venezolanische Forscher. Wie schnell die venezolanische Regierung neue Devisenquellen erschließen kann, hängt davon ab, ob die Verbündeten im Ausland weiterhin treu an der Seite Maduros bleiben. Die Finanzmärkte zumindest sehen das skeptisch und glauben, dass sich Maduro nicht mehr lange halten wird.

Nach Angaben der Financial Times zogen die Kurse von venezolanischen Staatsanleihen und Papieren von PDVSA deutlich an. Investoren spekulieren bereits auf einen Machtwechsel und investieren in die Papiere. Sie hoffen wohl vor allem auf gute Renditen beim Wiederaufbau des Ölsektors.

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