Argentinien |

"Los Trapitos" - die Parkwächter von Buenos Aires

Verhandelt wird bei heruntergekurbelter Scheibe: „Ich habe keinen festen Preis, aber wenn Du Dein Auto hier parken willst, musst Du mir ein bisschen Geld geben, weil hier bringen sie Dich für jeden Platz um“, macht der achtzehnjährige Jorge, Kontrolleur eines Häuserblocks an der „Avenida de los Italianos“ im mondänen Restaurantviertel Puerto Madeiro die Kräfteverhältnisse unmissverständlich klar. Der Autofahrer steckt ihm anstandslos einen 20 Pesoschein zu, der Handel ist perfekt, mit wichtigtuerischer Geste weist Jorge die Limousine in eine Parklücke am Straßenrand ein.

Jorge gehört zum Heer der auf über viertausend geschätzten „trapitos“, die vor allem am Wochenende die Nobelzonen des Nachtlebens von Buenos Aires usurpieren, und sich mittlerweile wie ein Spinnennetz über andere Wohnviertel der Hauptstadt ausdehnen. Los trapitos, wörtlich die „kleinen Putzlumpen“, sind das Markenzeichen der schwarzarbeitenden Parkwächter, die bar Kapital aus der Stellplatznot der vom Verkehrskollaps bedrohten Metropole schlagen. Gezahlt wird pro Auto zwischen zehn und 40 Pesos, also umgerechnet zwischen 1,50 und 15 Euro, bei freier Parkzeit und einer Gewähr, dass sich nach dem Dinner keine Lackkratzer auf dem Gefährt finden oder Außenspiegel fehlen. Dafür lassen viele Fahrer ihre Schlüssel stecken, damit das Parkgeschäft auch zweireihig läuft, und ordern vor Verlassen das Restaurants per Handy ihr Auto vor die Tür.

Über 50 Prozent der Jugendlichen arbeiten schwarz

Trapitos stecken ihre Reviere nach eisernen Regeln ab, teilen Häuserblocks unter sich auf, organisieren hierarchisch ganze Stadtviertel. Der Artikel 79 des Gesetzbuches droht wilden Parkwächtern mit Strafen zwischen 200 und 400 Pesos oder ersatzweise ein bis zwei Tage gemeinnützige Arbeit, aber genau das ist das Problem, denn Arbeit finden viele Trapitos nicht. Sie gehören zum Millionenheer des „informellen Sektors“, der Gelegenheitsarbeiter, die aufgrund von Handlangerdiensten wie Scheibenputzen an der Straßenkreuzung oder Kaugummiverkauf an der Bushaltestelle in keiner offiziellen Arbeitslosenstatistik auftauchen und so ein grotesk hohes Beschäftigungsniveau in Argentinien vorgaukeln. Junge Leute wie Jorge sind besonders betroffen. Eine Arbeitsmarktstudie der nationalen Statistikbehörde (Indec) hat jetzt erschreckende Zahlen ans Tageslicht befördert. 77,6 Prozent der Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren arbeiten auf dem Schwarzmarkt, in der Altersgruppe zwischen 20 und 24 Jahren sind es über 50 Prozent. Die Studie bescheinigt, dass diese Altersgruppe und Frauen, die verwundbarste Bevölkerungsschicht Argentiniens ist, denn beide Sparten tauchen auch überproportional in Arbeitslosenstatistiken auf.

öffentliches Parkzonenpersonal soll Trapitos ersetzen

Ein Drittel der gesamten argentinischen Arbeitsbevölkerung arbeitet schwarz. Einem Report des Forschungsinstitutes SEL Consultores zufolge besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Schwarzabeit und Armut. Für den ökonomen Ernesto Kritz, Direktor des Instituts, steht es außer Frage, „sobald Haushalte frühzeitig das Erziehungssystem verlassen“, bilden sich die Rahmenbedingungen für minderwertige Arbeiten, niedrige Löhne, und oft lebenslange soziale Ausgrenzung, mit Auschluss von Sozialansprüchen, Rechtsschutz, Renten oder Krankenversicherungen. Für viele gutbetuchte Argentinier beruhigt der Parkzoll an den Flaniermeilen deshalb ihr soziales Gewissen, und manche Trapitos zumindest in den Nobelvierteln wähnen sich auf der Sonnenseite eines Schattenlebens.

Manche erzielen sogar eine gewisse Berühmtheit, wie der Parkwächter an der Kreuzung Báez und Arguibel im Kneipenviertel Las Canitas. „El Pingüino“, der „Kleine Pinguin“ arbeitet angeblich seit 15 Jahren hier, gibt keine Interviews und zählt Prominente wie Fußballlegende Diego Maradona zu seiner Stammkundschaft. Für die Gastronomen der umliegenden Lokale gehört er zum festen Inventar: „Er fängt pünktlich um 20 Uhr zu arbeiten an. Weißt Du, er kassiert nicht, aber seine Kunden zahlen ihm gutes Trinkgeld. Sie geben ihm ihre Schlüssel und er parkt in zweiter Reihe. Er passt wirklich auf die Autos auf so macht er bestimmt 500 Pesos pro Nacht“, schätzt ein Türsteher. Die Stadtregierung will im März trotz solcher Folklore das generell als öffentliches Ärgernis geltende Phänomen unterbinden und es durch öffentliches Parkzonenpersonal ersetzen. Eine offizielle Reaktion der Bundesregierung auf die Schwarzmarktstatistik blieb dagegen aus.

Autor: Gottfried Stein, Buenos Aires