Mexiko |

"€?London ist mein Ideal"€?

Der mexikanische Schwimmer Pedro Rangel springt bei den Paralympics in London vom Startblock. In seiner Sprintdisziplin über 100-m-Brustschwimmen hat er gute Chancen auf eine weitere Goldmedaille. Im Gespräch mit Blickpunkt Lateinamerika erzählt er von den Schwierigkeiten einer Karriere als Behindertensportler in Mexiko.

Flink schwingt sich Pedro Rangel über den Kofferraum aus seinem Auto und hebt mit einer Hand seinen Rollstuhl hinterher. Die hohe Bürgersteigkante und die Wendeltreppe zum Interviewort sind für den mexikanischen Paralympiker ebenfalls kein Problem. „Viele Leute sind regelrecht beleidigt, wenn ich ihre Hilfe dankend ablehne“, erklärt er. „In Wirklichkeit habe ich keine physische Behinderung, kann mich überall hinheben oder hochklettern.“ Limits scheinen für den mexikanischen Leistungsschwimmer nicht zu existieren. So selbstbewusst wie er die täglichen Barrieren seiner Heimatstadt Guadalajara angeht, so selbstverständlich trainiert er jeden Tag für seine Teilnahme über 100-m-Brustschwimmen bei den Paralympics in London.

Dass Rangel ein Kämpfer ist, war schon im Vorhinein klar. Mit acht Jahren gerät er beim Zugsurfen unter die Räder einer Eisenbahn. Es folgen zahlreiche Operationen und ein Jahr Reha. Der Verlust seiner beiden Beine hält ihn aber nicht davon ab, weiterhin Sport zu treiben. „In der Schule wollte nichts in meinen Kopf rein, aber in Sport war ich schon immer gut“, erklärt der 32-Jährige.

Dank Stipendium im Kader

Die Nachmittage verbringt er auf dem Basketballplatz und später an Felswänden und auf Wanderwegen im Gebirge. „Aber das Schwimmen fiel mir komischerweise schwer, denn das war nicht mein Metier“, erinnert sich der Mexikaner an die Urlaube am Meer. So sucht er sich mit 20 Jahren einen Schwimmverein. Zwei Tage später zieht er bereits lange Bahnen durchs Becken.

Seine Trainerin Margarita Hernández bemerkt schnell sein großes Talent und bringt ihn bis in den Mexikanischen Kader. Als er mangels Zeit und Geld nicht zum Training erscheint, schreibt sie einen Brief an den Schwimmverband. Mit Erfolg: Rangel erhält ein Stipendium. Es folgen internationale Wettbewerbe, zwei Weltmeisterschaften, Bronze bei den Paralympics in Athen 2004 und schließlich Gold über 100-m-Brustschwimmen in Beijing 2008.

Aber der Weg zum Spitzensport war für Rangel nicht einfach, wie für viele behinderte Sportler in Mexiko. Oft fließen staatliche Fördergelder erst nach einem Erfolg auf internationalen Wettbewerben. „Wenn ich wie so oft nach dem Training den Bus verpasste und auf meiner Seifenkiste die fünf Kilometer bis nach Hause rollte, dachte ich daran alles hinzuschmeißen. Doch am Tag danach ging ich wieder zum Training“, beschreibt er seine damalige Situation als Nachwuchsschwimmer.

"Behinderte sind in Mexiko nicht gern gesehen"

Mittlerweile fährt Rangel nicht mehr mit dem Bus, sondern mit dem Auto zum Training. Über einen Hebel am Armaturenbrett steuert er Gas und Bremse. Die öffentlichen Verkehrsmittel in Mexiko sind seiner Meinung nach wenig effizient. Als behinderter Fahrgast braucht man viel Glück, um überhaupt mitgenommen zu werden. Dabei können oft Stunden vergehen. Obwohl Mexiko die UN-Behindertenrechtskonvention längst ratifiziert hat, wird noch immer ein Großteil der Gesetze nicht erfolgreich umgesetzt. Immer wieder sei der Mangel an Personal und Geld dafür verantwortlich. Doch in Wahrheit handelt es sich dabei um ein politisches und kulturelles Problem. Rangel erklärt: „Hier in Mexiko sind Behinderte nicht gern gesehen. Und den Politikern gefällt die Idee nicht, dass behinderte Menschen mehr Unterstützung vom Staat verlangen.“

Wenn der Paralympiker Anfang September in London um die Wette schwimmt, sitzen seine Frau und sein 2-jähriger Sohn in Mexiko vor dem Fernseher und feuern ihn an. Die Metropole ist für den Spitzensportler die Idealstadt: „Die Infrastruktur ist sehr behindertengerecht designed. Und ich mag die Leute, weil sie sehr direkt sind. Dort halten sie deinem Blick stand und sehen dir direkt in die Augen, egal über was du mit ihnen sprichst.“

Autorin: Sara König

Für den mexikanischen Schwimmer Pedro Rangel existieren keine LImits. Foto: König