Peru |

Lima im kulinarischen Rausch

Essen ist in Peru nicht einfach Nahrungsaufnahme, sondern auch Leidenschaft. Essen ist Kultur - eine Volkskultur, aus der in den letzten Jahren Haute Cuisine geworden ist. Und deswegen ist das Gastronomie-Festival „Mistura“, das zum vierten Mal in Lima stattfand, nicht nur eine Veranstaltung für gutbetuchte Gourmets , sondern in erster Linie ein Volksfest.

 

Geduldig steht Angel in der Schlange an für ein Stück knusprige Schweineschwarte. „Ich bin mit meinen Kumpels gekommen, um das Essen hier zu probieren“, sagt der 21-jährige BWL-Student. Bei seiner Haar-Tolle und dem Karo-Jeans-Look würde man eher meinen, dass er für die Disco ansteht. Aber Essen ist in Peru mindestens so sexy wie ein heißer Disco-Tanz, und deswegen ist es für den 21-jährigen Angel und seine Kumpels von der Uni keine Frage, dass sie zur Gastronomie-Messe „Mistura“ gehen werden. Auch wenn sie dazu stundenlang für eine Eintrittskarte anstehen, für die sie erst noch umgerechnet fünf Euro zahlen müssen.

 

„Wir sind hier, um unsere Küche zu probieren“, sagt der BWL-Student und merkt gleich kritisch an, dass das typische Gericht seines Heimatdepartements im Amazonas nicht dabei ist. „ Das ist gebratener Fisch in Bananenblätter eingewickelt“ , sagt Angel und bekommt leuchtende Augen.

 

Kultur und Leidenschaft

 

Essen ist in Peru nicht einfach Nahrungsaufnahme. Essen ist Kultur und Leidenschaft. Volkskultur, aus der in den letzten Jahren Haute Cuisine geworden ist. Und deswegen ist das Gastronomie-Festival „Mistura“, das vom 8. – 18. September zum vierten Mal in Lima stattfand, keine Veranstaltung für gutbetuchte Gourmets (für die auch), sondern in erster Linie ein Volksfest. So wie es das Oktoberfest einst für die Bayern war, bevor es die Touristen aus aller Welt entdeckt haben.

 

300 000 Besucher sind gekommen um die ganze Bandbreite der peruanischen Küche zu goutieren. Da steht die chinesisch-peruanische Küche („Chifas“) neben den Fischrestaurants, die am offenen Feuer gebratenen Rinderherz-Spieße („anticuchos“) neben dem Erdofen „Pachamanca“, in dem man Kartoffeln, Maistaschen und Fleischstücke mit heißen Steinen gart. Edel-Restaurants, die für den Durchschnitts-Peruaner unerschwinglich sind, bieten bei „Mistura“ ihre Gerichte zu umgerechnet zwei Euro an. Im Kaffee- und Schokoladenzelt kann man den weltbesten organischen Kaffee probieren oder Schokolade aus Gebieten, de vor einigen Jahren noch Coca angebaut haben. Und den Rundgang schließt man dann man mit einem der vielen Cocktails ab die aus dem Traubenschnaps Pisco gemacht werden.

 

Die Küche als soziale Waffe

 

Die peruanische Küche hat in den letzten Jahren ihren Siegeszug durch Lateinamerika angetreten. Lima proklamiert sich gerne als gastronomische Hauptstadt Amerikas - die zunehmende Zahl vor allem lateinamerikanischer Gastronomie-Touristen belegt dies. Der Ursprung des peruanischen Küchenwunders ist die große Vielfalt der Gerichte und seiner Zutaten. Vor allem aber stiftet die Küche in Peru Identität. Peruaner ist man, weil man peruanisch isst. Das bekräftigt auch der spanische Starkoch Adrián Ferra, der mit der Elite der Köche nach Lima angereist ist: „Was mit der Küche in Peru geschieht, ist einzigartig, das passiert sonst nirgends auf der Welt“, sagte er im peruanischen Fernsehen. „Die Küche ist hier eine soziale Waffe“.

 

Denn die Küche Perus ist nichts ohne die Vielfalt ihrer Produkte – und die wird nicht mit großen Monokulturen erzielt, sondern von Kleinbauern in den Anden und im Amazonasgebiet. „Mistura“ hat sich denn auch eine Allianz zwischen kleinen Produzenten und der Haute Cuisine auf die Fahnen geschrieben. „Inklusion“ ist das Modewort der neuen Regierung Humala – in der peruanischen Küche ist diese vorweggenommen. Ollanta Humala hat es sich denn auch nicht nehmen lassen, die Gastronomiemesse „Mistura“ persönlich einzuweihen.

 

Hildegard Willer, Lima