Kolumbien |

Kraxeln am Karfreitag

Der Geruch von frisch gemähten Gras ist die letzte Motivationsspritze: Bogotás Stadtverwaltung lässt in der Karwoche die Grünanlagen rund um den Cerro Monserrate noch einmal auf Vordermann bringen. Hier auf 2.600 Meter Höhe beginnt der Aufstieg, der für die Einwohner der kolumbianischen Hauptstadt in den Ostertagen zur festen Tradition geworden ist. Der Pilgerweg ist erst seit ein paar Wochen wieder eröffnet, heftige Regenfälle hatten den alten Gang unterspült und unpassierbar gemacht. Drei Jahre dauerten die Bauarbeiten, nun ist der Weg Richtung Gipfel wieder frei.

Die dünne Höhenluft fordert ihren Tribut. Schon nach wenigen Metern auf dem Weg nach oben wird jeder Schritt zu einer echten Herausforderung. Erfahrene Kletterer, für die der Aufstieg Routine ist, ziehen mühelos vorbei. Jogger, die die rund 600 Höhenmeter Start und dem Gipfel laufend abspulen, ernten anerkennende Blicke. Der große Rest aber kämpft mit jeder Stufe auf dem etwa zwei Meter breiten, mit hellen Sandsteinen gepflasterten Weg.

Alle fünf Minuten steht ein Polizist und hat die Touristen im Blick. Aus gutem Grund: In der Vergangenheit gab es zahlreiche Überfälle auf Pilger, ein Sicherheitsmann berichtet vor Wochen seien Räuber über einen der Berghänge nach oben gestiegen und hätten die Gäste eines der beiden Restaurants ausgenommen. Genauso schnell wie sie gekommen waren, sind sie auch wieder verschwunden. In der Osterwoche soll massive Polizeipräsenz böse Überraschungen vermeiden.

Ganz oben auf dem Gipfel wartet eine Kirche mit der überlebensgroßen Holzskulptur des gefallenen Jesus. Sie stammt aus dem Jahr 1640 und thront am Ende des Kirchenschiffes in mehreren Metern Höhe. Es ist eine der ältesten religiosen Skulpturen Lateinamerikas.

In der Osterwoche herrscht besonders viel Betrieb auf dem Weg nach oben. Denn auf dem Gipfel lädt ein Kreuzweg zur Mediation ein. Auffallend viele junge Menschen gehen die Stationen ab. Im Gegensatz zu Europa ist in Lateinamerika und auch in Kolumbien durchaus „cool“ sich zu seinem christlichen Glauben zu bekennen. Allerdings ist der Aufstieg zum Berggipfel auch als ökologischer Lehrpfad angelegt, deswegen sind auch besonders viele Schulkinder unterwegs.

Kinder unter fünf Jahren, schwangere Frauen oder altersschwache Greise werden gleich zu Beginn des Aufstiegs von der Polizei herausgefischt. Ihnen soll der kräftezehrende Marsch nicht zugemutet werden. Padre Sergio Duarte, Priester auf dem Monserrate und somit einer der höchstgelegenen Pfarreien der Welt, rät: „Gehen Sie den Weg nach Möglichkeit immer im gleichen langsamen Tempo. Bleiben Sie nicht stehen und beginnen Sie nicht zu schnell. Und ganz wichtig: Wasser. Viel Wasser. Nehmen Sie unbedingt Wasser mit.“

Auf dem Gipfel angekommen versammeln sich Pilger und Jogger in der Wallfahrtskirche. Padre Sergio Duarte hält hier täglich seine Predigt, redet über den Weg zu Gott und den Weg zu Monserrate. Er kommt an bei den Menschen, auch weil die Höhe und die Abgeschiedenheit des Ortes und vielleicht auch die Erschöpfung zum Zuhören einlädt.

An keinem anderen Ort haben die Menschen einen derart atemberaubenden Blick über die Neun-Millionen-Metropole Bogotá. „Die Diskrepanz zwischen der Stadt und der Ruhe des Berges berührt die Menschen. Auf mich wirkt die Stadt manchmal wie eine Bestie, deren Lärm und Hektik die Menschen verschluckt“, sagt Duarte.

Nach ein paar Stunden weit über den Dächern der Stadt wählen die meisten Besucher den deutlich komfortablen Weg nach unten. Per Gondel oder Schweizer Seilbahn geht es in ein paar Minuten bergab bis zu Stadtgrenze von Bogota. Aus dem Fenster sieht man die Millionenmetropole mit jeder Sekunde näher rücken. Genauso wie die Hektik und der Lärm, der 600 Meter weiter oben so unendlich weit entfernt scheint.

Autor: Tobias Käufer, Bogotá