Haiti |

"Kommunikation gröüte Herausforderung"

In Haitis Hauptstadt Port-au-Prince und dem Umland sind etwa 500 lokale und internationale Caritas-Mitarbeiter im Einsatz. Unter Ihnen auch Alexander Bühler, deutscher Mitarbeiter von Caritas International. Er berichtet vom Flughafen in Port-au-Prince.

KNA: Herr Bühler, wie ist die aktuelle Situation?

Bühler: Je näher man der Altstadt von Port-au-Prince kommt, desto mehr Trümmer sieht man. Dort sind immer wieder Häuser, die komplett in sich zusammengefallen sind und unter denen wahrscheinlich noch Menschen liegen, für die jede Hilfe möglicherweise zu spät kommt. Aber auch auf dem Land sind sehr viele Häuser zerstört. Ich habe zum Beispiel eine Kirche gesehen, die zusammengebrochen ist und Passanten unter sich begraben hat. Von diesem Ort geht ein unglaublicher Geruch nach Verwesung und Leichen aus. Dieser Geruch begegnet einem immer wieder in der Stadt. Es ist wirklich jeder betroffen. Jeder Haitianer, der hier in Port-au-Prince oder auf dem Land lebt, hat jemanden verloren. Es herrscht Trauer und auch Wut, weil die eigene Regierung nichts hinkriegt und die Haitianer sehen, dass es wirklich die Ausländer sind, die Hilfe bringen.

KNA: Also kommt die Hilfe mittlerweile an?

Bühler: Die Hilfe kommt, aber sie kommt tatsächlich sehr schwierig an. Das Problem ist das Nadelöhr Flughafen. Es gibt nur eine Start- und Landebahn und keine Möglichkeiten, Güter zu lagern, weil die Lagerhäuser zusammengestürzt sind. Außerdem ist der Hafen nicht benutzbar. Die einzige Möglichkeit ist der Landweg, aber das dauert. Diese Faktoren machen das ganze sehr schwierig. Dazu kommt auch das Problem der Sicherheit: Wenn irgendwo für 100.000 Menschen Nahrungsmittel verteilt werden, müssen wir dafür sorgen, dass nicht die nächsten 200.000 Menschen wütend und gewalttätig werden, weil sie nichts bekommen haben. Das sind alles Fragen, die wir im Moment versuchen zu klären.

KNA: Haben Sie Kontakt mit den lokalen Caritas-Mitarbeitern?

Bühler: Viele Mitarbeiter sind nicht zur Arbeit gekommen, weil sie selbst tot sind oder nach toten Verwandten suchen. Das macht die Arbeit sehr schwierig. Wir werden jetzt wahrscheinlich über die Kontaktpfarreien der lokalen Caritas die Nahrungsmittelverteilung organisieren. Das könnte so aussehen, dass die Pfarrer Lebensmittelpakete für Familien ausgeben und das über ihre kleinen Hilfswerke vor Ort regeln.

KNA: Was ist für Sie aktuell die größte Herausforderung?

Bühler: Die größte Herausforderung ist tatsächlich die Kommunikation, so banal das klingen mag. Aber durch den Zusammenbruch des Telekommunikationsnetzes ist es sehr schwer, sich zu verabreden oder herauszufinden, was passiert.

KNA: Es gibt unterschiedliche Informationen über die Sicherheitslage vor Ort. Wie nehmen Sie die Lage wahr?

Bühler: Ich habe bisher keine Plünderung gesehen, aber ich weiß, dass eine stattgefunden hat. In der Nacht habe ich Schüsse gehört. Aber soweit ich das beobachten kann, versuchen die Menschen einfach nur, an Wasser und Lebensmittel zu kommen und dafür tun sie alles. Sie schöpfen zum Beispiel Wasser aus geborstenen Leitungen, egal wie schmutzig es ist. Viele verkaufen an den Straßenseiten Dosen mit Essen oder andere kleine Dinge. Jeder versucht, ein kleines Geschäft zu machen. Es ist aber noch ruhig. Ich habe den Eindruck, dass die Menschen vielmehr geduldig mit der Situation umgehen. Vielleicht sind sie auch in Trauer versunken. Ich höre jede Nacht Menschen singen. Also es ist wirklich nicht so, dass ein wütender Mob hier durch die Straßen rennt.

KNA: Was muss aus Ihrer Sicht als Nächstes passieren?

Bühler: Jetzt muss ein Weg gefunden werden, die ganzen Nahrungsmittel zu verteilen und das ist das Schwierigste. Die Verteilung muss und wird anlaufen und es muss gewährleistet sein, dass diese drei Millionen Menschen, die von der Katastrophe betroffen sind, alle versorgt werden. Denn sonst wird diese Ungerechtigkeit den Menschen wirklich zu schaffen machen und das kann zu Unruhen führen.

KNA: Kann man schon über nachhaltigen Aufbau nachdenken?

Bühler: Dafür ist es noch viel zu früh. Im Moment geht es nur um eine radikale Erstversorgung an Ort und Stelle. Caritas und Diakonie werden wahrscheinlich ein Dorf zusammen aufbauen, das zu 70 bis 80 Prozent zerstört ist und werden eben versuchen, den Menschen in diesem Dorf wieder ein Leben zu ermöglichen. Bisher schlafen sie jede Nacht auf dem Hauptplatz, haben dort kleine Wellblechhütten aufgestellt. Da drängen sich die Menschen zusammen aus Angst, dass die wenigen übrig gebliebenen Häuser, ihnen auch noch auf den Kopf fallen könnten.

Interview: Kirsten Westhuis, kna