Panama |

Kokspiraten der Karibik

Das Drogenboot hatte keinen weiten Weg vor sich. Mit rund einer Tonne Kokain an Bord stach die Besatzung in Necocli an der kolumbianischen Karibikküste in See und nahm Kurs Richtung Norden. Das Ziel der kurzen Überfahrt hieß Panama. Von hier aus, so hatten es die Drogenbarone des Kartells Los Urabenos schon oft praktiziert, sollte der Transport Richtung USA fortgesetzt werden. Doch die Besatzung kam nie im Nachbarland an – das Kokain dagegen schon.

Die kolumbianischen Kartelle haben einen neuen brutalen Gegner, der am Milliarden-Geschäft teilhaben will. Wie die Tageszeitung „El Tiempo“ enthüllte, haben Piraten aus Panama das Drogenboot auf hoher See geentert. Vermummt und bis an die Zähne bewaffnet eröffneten sie sofort das Feuer, drei völlig überraschte und nur leicht bewaffnete Kolumbianer kamen im Kugelhagel um. Die umkämpfte Fracht wechselte den Besitzer und wurde wenige Stunden später unversehrt in Panama angelandet.

Der Vorfall, den „El Tiempo“ jetzt ans Licht brachte, liegt zwar schon einige Monate zurück und wäre wohl für immer ein Geheimnis der Karibikfluten geblieben, hätte nicht das vierte kolumbianische Besatzungsmitglied schwer verletzt überlebt und sich der US-amerikanischen Anti-Drogenbehörde DEA anvertraut. Um welchen Überlebenskünstler es sich dabei genau handelt, bleibt streng geheim. Der Kolumbianer ist ins US-Zeugenschutzprogramm aufgenommen worden und hat eine neue Identität erhalten. Trotzdem gelang es „El Tiempo“ an einen Teil seiner Zeugenaussage zu gelangen.

Demnach war das blutige Gemetzel auf offener See kein Einzelfall. Nach Erkenntnissen der Ermittler haben allein in den letzten acht Monaten 17 Drogenhändler und Piraten bei blutigen Schießereien in der Karibik ihr Leben verloren. Ihre sterblichen Überreste liegen nun auf dem Meeresgrund.

Aus den herben finanziellen Verlusten hat das düpierte Kartell Los Urabenos offenbar seine Konsequenzen gezogen. Die Drogenfrachter haben ihre Besatzungen für die gefährliche Reise nach Panama verstärkt und aufgerüstet. Statt mit kleinen Handfeuerwaffen gehen die Kolumbianer nun mit M16-Maschienengewehren auf Überfahrt.

Außerdem prüfen die Kolumbianer genau, ob sie noch am schnellen und effizienten Seetransport festhalten wollen. Traditionell werden Drogenlieferungen in kleine Portionen aufgeteilt und über Land transportiert. Das ist weniger riskant, dauert aber länger: Um bis zu eine Woche kann sich die Lieferung verzögern. Dafür erspart man sich das Risiko, auf einen Schlag eine komplette Lieferung von bis zu einer Tonne zu verlieren.

Dass sich vor Panamas Küsten nun eine weitere Partei anschickt, Drogen anzulanden, hat die Regierung aufgeschreckt. Das Land wolle tief in die Tasche greifen, um in neue Sicherheitstechnik zu investieren, „um unsere Küsten zu schützen“, versprach Jose Raul Mulino, Minister für öffentliche Sicherheit. Abschotten statt hinterherjagen lautet die neue Devise. „Es ist nicht unsere vordringliche Aufgabe, mehr Drogen während des Transportes abzugreifen, sondern unsere Grenzen sicherer zu machen, damit erst gar keine Drogen ins Land kommen.“

Das Katz-und-Maus-Spiel auf offener See geht damit in die nächste Runde. Die kolumbianischen Drogenfahnder befürchten, dass die Drogenkartelle auch darauf gewappnet sein werden. Statt wie früher einfach sorglos in See zu stechen, suchen die Drogenboote nun verstärkt nach Rückzugsgebieten, um von dort aus auf einen optimalen Zeitpunkt zu Weiterfahrt zu warten.

Autor: Tobias Käufer