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Kampagne zur Befreiung von Kindern aus Rebellenhand

Der peruanische Staat hat eine Kampagne zur Befreiung von Kindern aus der Hand der maoistischen Rebellengruppe ´Sendero Luminoso´ (Leuchtender Pfad) gestartet. So sind Militäreinheiten im Tal der Flüsse Apurímac und Ene (VRAE) unterwegs, um Informationen über den Verbleib von mindestens 50 Mädchen und Jungen zu sammeln und Befreiungsaktionen durchzuführen.

Militärs und Regierungsstellen beschuldigen den lokalen Guerilla-Chef Víctor Quispe Palomino alias ´Kamerad José´ der Entführung von Kindern im VRAE, das sich vom südlichen Andengebirge bis zum Urwald in der Mitte des Landes erstreckt. Dutzende Mädchen und Jungen werden als Teil der Kriegsführung in Lagern ideologisch indoktriniert und im Kampf an der Waffe ausgebildet, wie bei Festnahmen von Rebellen beschlagnahmte Fotos und Videoaufnahmen belegen. Die jungen Sendero-Kämpfer setzen sich sowohl aus Entführungsopfern als auch den Kindern der Rebellen zusammen. Sie alle dienen den erwachsenen Kämpfern als menschliche Schutzschilde vor möglichen Luftangriffen der Streitkräfte.

"Die Guerillero nehmen die Kinder überall mit hin und lassen sie an bewaffneten Aktionen teilnehmen", berichtet ein hoher Offizier des Gemeinsamen Kommandos, das die Operationen im VRAE durchführt. "Sie werden zudem gezwungen, verletzte oder in einen Hinterhalt gelockte Militärs zu töten. Wenn es einen Grund gibt, warum die Rebellenlager nicht bombardiert werden, dann wegen der Kinder", so die Quelle, die auf Anonymität besteht.

Flugblattkampagne soll bei Suche der Vermissten helfen

Das Gemeinsame Kommando hat bereits etliche der verschleppten Mädchen und Jungen identifiziert. Bei einigen von ihnen handelt es sich um Kinder ethnischer Ashaninka, die im zentralen Dschungel leben. Die Soldaten verteilen in einem 12.000 Quadratkilometer großen Gebiet Flugblätter mit den Fotos der vermissten Kinder in der Hoffnung auf Hinweise aus der Bevölkerung über den Aufenthaltsort der Minderjährigen.

Dass die Kinder einer Gehirnwäsche und militärischen Ausbildung unterzogen wurden und an Kampfhandlungen teilnehmen müssen, entspricht einer Strategie, wie sie der Leuchtende Pfad bereits im 20-jährigen Bürgerkrieg von 1980 bis 2000 verfolgt hatte. So ist Quispe Palomino, der die Maoistenorganisation im VRAE befehligt, der Sohn des Guerillachefs Martín Quispe Mendoza, der 1991 bei Auseinandersetzungen mit den Streitkräften ums Leben kam. Martín Quispe hatte seine Söhne Víctor, Jorge und Martín als maoistische "Pioniere" bezeichnet. Sie sind die einzig verbliebenen Führungskräfte der Organisation, nachdem der letzte historische Guerillachef Florindo Flores Hala am 12. Februar gefasst wurde. Flores Hala hatte das nördliche Amazonastal Huallaga kontrolliert.

Der Nachwuchs wird von Kindesbein an ideologisiert

"Das schlimmste Massaker richtete der Leuchtende Pfad am 3. April 1983 an Bauern der Ortschaft Lucanamarca in Ayacucho an", berichtet Staatsanwalt Julio Galindo. "69 Menschen – zu einem Viertel Kinder - wurden umgebracht, weil sie ihre Teilnahme an dem bewaffneten Kampf der Rebellen verweigerten." Der damals 22-jährige Kamerad José war an dem Blutbad beteiligt. "Für Quispe sind die Mädchen und Jungen Kriegswaffen. Teil seiner Politik ist es, dass sich die Rebellen in den Lagern reproduzieren. Der Nachwuchs wird von Kindesbeinen an ideologisch geschult", erläutert er. "Víctor Quispe reproduziert seine eigenen persönlichen Erfahrungen. Er wurde von seinem Vater ideologisiert und militärisch ausgebildet, um diesem in den bewaffneten Kampf zu folgen. Heute wendet er die gleiche Methode bei den Kindern an, die in den Lagern festgehalten werden."

Im letzten Jahr war es einer Armeeeinheit gelungen, in ein Sendero-Lager einzudringen und eine 19-Jährige und deren Sohn zu befreien. Die junge Frau, deren Identität aus Sicherheitsgründen geheim gehalten wird, war nach eigenen Angaben im Alter von neun Jahren von den Rebellen verschleppt worden. Als sie größer wurde, wurde sie einem Kämpfer zur Frau gegeben und von ihm geschwängert.

"Man impft ihnen Hass ein und bringt ihnen das Töten bei"

Wie María del Carmen Santiago berichtet, Leiterin der Abteilung für Kinder und Jugendliche im Ministerium für Frauen und gefährdete Bevölkerungsgruppen, ist die Regierung fest entschlossen, die gefangenen Kinder zu befreien. Damit handele sie im Sinne des Fakultativprotokolls der Kinderrechtskonvention über die Teilnahme von Minderjährigen in bewaffneten Konflikten. "Die befreiten Mädchen und Jungen erhalten die Zuwendung, die sie brauchen, um mit der durchlebten Extremsituation fertig zu werden", versichert sie. Dazu gehörten psychologische Hilfe, eine Schulausbildung, medizinische Versorgung und Ernährung.

Die Rebellen, die gefangen und vor Gericht gestellt werden, müssen sich nicht nur wegen Terrorismus sondern auch wegen Kindesentführung verantworten. "Ich habe Fotos von Kindern gesehen, die die Schriften von Marx, Lenin und Mao studierten und militärisch gedrillt wurden", sagt Staatsanwalt Galindo. "Man impft ihnen Hass ein und bringt ihnen das Töten bei. So etwas darf in einer zivilisierten Gesellschaft einfach nicht passieren. Wer so etwas tut, verstößt gegen nationale und internationale Kinderrechte."

Sohn von Guerilla-Chef Quispe will mit Behörden kollaborieren

Am 23. Januar 2010 nahm die Polizei Víctor Quispe Zaga fest, den ältesten Sohn von Víctor Quispe Palomino, der aus dem Lager der Organisation seines Vaters geflohen war. Er macht von einem Rechtsmittel Gebrauch, das Verdächtigen mildernde Umstände in Aussicht stellt, die mit den Behörden kollaborieren.

Der Erstgeborene von Quispe Palomino berichtete, wie er im Alter von fünf Jahren in das Lager seines Vaters gesteckt, indoktriniert und militärisch ausgebildet wurde. Außerdem hatte man ihn an zahlreichen Kampfeinsätzen teilnehmen lassen. Als er erfuhr, dass sein Vater seine Mutter ermordet hatte, floh der inzwischen junge Erwachsene aus dem Lager. "Ich hasse meinen Vater", sagte er den Behörden, "Er hat meine Mutter umgebracht."

Autor: Ángel Páez, deutsche Bearbeitung: Karina Böckmann, Quelle: IPS

Im Tal der Flüsse Apurímac und Ene suchen Militäreinheiten nach den von der Rebellengruppe ´Sendero Luminoso´ entführten Kindern. Foto: Waterman/Flickr