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Interview: Land ist für indigene Völker das drängendste Problem

Der Anführer des indigenen Volkes der Qom kämpft für die Gleichberechtigung in Buenos Aires (Symbolfoto: Pohl/Adveniat)
Der Anführer des indigenen Volkes der Qom kämpft für die Gleichberechtigung in Buenos Aires (Symbolfoto: Pohl/Adveniat)

Argentiniens indigene Bevölkerung wird im Unterschied zu anderen Ländern Lateinamerikas kaum wahrgenommen. Dabei sind rund eine Million der 45 Millionen Argentinier Indigene. Sie verteilen sich auf mehr als 30 Völker. Der Priester José Auletta,von der Ordensgemeinschaft Misioneros de la Consolata, spricht in einem Interview über die Lage der Ureinwohner. Ende September vertrat er die vom Lateinamerika-Hilfswerk geförderte Equipo Nacional de Pastoral Aborigen (ENDEPA) bei der 64. Sitzung des Comité de Derechos Económicos, Sociales y Culturales der Vereinten Nationen in Genf. Auletta berichtete der Versammlung über die Lage der indigenen Völker in Argentinien und trug deren Kritik vor, dass die Regierung ihre Rechte nicht achte.

Gibt es ein Problem, das die gut 30 indigenen Völker in Argentinien in ihrer Gesamtheit betrifft?

Auletta: Ja, die Rückgabe des heiligen Landes - heilig im Sinne der indigenen Kosmovision. Man könnte sagen, das ist die „Mutter aller Schlachten“. Dieser Kampf ist das drängendste aller Probleme, welche die die indigenen Gemeinden in Argentinien betreffen. Von den gut 1.500 offiziell registrierten Gemeinden im Land - es gibt aber mehr - , fand nur für 459, was 30 Prozent entspricht, eine Erhebung entsprechend dem Gesetz aus dem Jahr 2006 statt. Zwölf Jahre später ist der Prozess also noch bei weitem nicht abgeschlossen. Argentinien hat keine Mechanismen für die Vergabe von Landrechten indigenes Land betreffend. Amnesty International zufolge gibt es über 200 Fälle von Landkonflikten. Ein Indigener ohne Land ist aber ein Indigener ohne Leben.

Viele Landkonflikte gibt es in Patagonien. In diese sind die italienische Familie Benetton und der britische Milliardär Joe Ted Lewis verwickelt. Letzterer kaufte vor über 20 Jahren eine große Fläche Land in der Provinz Río Negro, wodurch der Zugang zum Lago Escondido verhindert wird. Wie lässt sich die Frage des Landbesitzes lösen?

Die Familie Benetton kaufte das Land im Zeitraum 1991 bis 1997 zu äußerst günstigen Konditionen, ohne im Geringsten dem traditionellen, überlieferten Charakter des Gebietes Rechnung zu tragen. Der Fall Joe Ted Lewis belegt das Fehlen jeder Kontrolle, die den Kauf von Land durch Ausländer begrenzen könnte. Es ist sehr schwierig, noch an den Lago Escondido zu gelangen, obwohl es einen sehr viel kürzeren Weg gibt. Diesen aber versperrt Señor Lewis mit einem Tor. Argentiniens katholische Kirche hat sich 2007 mit dem Thema des Verkaufs von Land an Ausländer in einer Studie mit dem Titel “Una tierra habitable para todos” („Eine Erde, auf der alle wohnen können“) befasst. 2011 wurde zwar ein Gesetz erlassen, das dem Landkauf Grenzen setzen sollte. Doch nach wie vor wird argentinischen und ausländischen Unternehmen erlaubt, große Flächen Land zu erwerben. Mit der Rechtfertigung, es handele sich um Entwicklungsprojekte für Gegenden, in denen Indigene und Campesinos leben. In der Folge verlassen Menschen gezwungenermaßen ihre Heimat, und es kommt zu Umweltschäden infolge der unkontrollierten Abholzung - obwohl ein Waldgesetz hier klare Grenzen setzt.

In Krisenzeiten, wie sie Argentinien ja durchmacht, scheint es noch schwieriger zu werden, die Probleme anzupacken, die die indigenen Völker betreffen. Wie kommt man aus diesem Dilemma?

 

In Krisenzeiten werden üblicherweise Budgets gekürzt, um die Staatsschulden zu verringern. Dabei trifft es immer die Schwächsten und jene, die am wenigsten haben zum Beispiel die große Mehrheit der Rentner. Aber eben auch die Indigenen, die noch nicht lange Anspruch auf Sozialleistungen haben. Das Instituto Nacional de Asuntos Indígenas (INAI), das für die Erfassung indigenen Landes zuständig ist, muss ebenfalls mit weniger Geld auskommen, es gab Entlassungen. Die Secretaría de Agricultura Familiar wäre sogar fast abgewickelt worden. Die Kürzungen wirken sich auf die Förderung indigener Familien-Subsistenzwirtschaft aus. Dabei macht die Familien-Landwirtschaft in Argentinien 65 Prozent der Produzenten aus. Sie stellt die Versorgung mit Nahrungsmitteln sicher. Die Anpassungspolitik der Regierung von Präsident Macri überlässt jene sich selbst, die am stärksten gefährdet sind: zum Beispiel indigene Gemeinden und Campesino-Gemeinden.

 

Interview: Paolo Moiola, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel

 

Quelle: Comunicaciones aliadas

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