Argentinien |

Indigene versorgt 1.600 Hungrige am Tag

Seit Margarita Barrientos in Buenos Aires vor 15 Jahren die Armenküche ´Los Piletones´ eröffnete, hat die Argentinierin zahlreiche Preise erhalten. Ihr liegt allerdings wenig daran, als ´Frau des Jahres´ gefeiert zu werden. Am meisten wünscht sie sich, dass ihr Engagement gar nicht mehr nötig wäre. Stattdessen sollte es lieber für alle Menschen Arbeit in Würde geben, meint Barrientos.

Für ihren unermüdlichen Einsatz wurde die 49-Jährige bereits von der Stadtverwaltung, unabhängigen Organisationen und Kirchen geehrt. Der kürzlich wiedergewählte konservative Bürgermeister von Buenos Aires, Mauricio Macrí, bot Barrientos sogar an, sie bei den Parlamentswahlen im Oktober als Kandidatin aufstellen zu lassen.

Barrientos hätte gute Chancen gehabt, in den Nationalkongress zu kommen. Doch die Politik ist nicht ihre Welt: "Ich habe sofort abgelehnt", sagt sie im Interview mit IPS. Lieber arbeite sie direkt mit denjenigen zusammen, die ihr durch Spenden den weiteren Betrieb ihrer Küche ermöglichten. Wenn sie nun ein politisches Amt annähme, würden sich ihre Unterstützer getäuscht sehen.

Geboren wurde die engagierte Frau, die dem indigenen Toba-Volk angehört, in der nordargentinischen Provinz Santiago del Estero. Nach der dritten Grundschulklasse verließ sie die Schule und kam mit elf Jahren in die Hauptstadt, wo sie arbeitete, heiratete und zehn Kinder bekam. Ein einfaches Leben hat sie nicht: Ihr Mann ist arbeitsunfähig, ein Sohn drogensüchtig. Auch ihre Nachbarn in dem Bezirk Los Piletones im Süden von Buenos Aires haben in ihrem Alltag viele Probleme.

Kinder sind die häufigsten Gäste

Das große Elend in ihrem Umfeld brachte Barrientos 1996 auf die Idee, aus Speiseresten Mahlzeiten für Arme herzustellen. Die Scheune, in der sie ihre Küche betreibt, befindet sich in dem Viertel Villa Soldati, das zu Los Piletones gehört. Die Straßen, die dorthin führen, sind ungepflastert und mit Müll übersät. Anfangs kamen 15 Esser. Inzwischen helfen Barrientos 30 weitere Frauen, täglich rund 1.600 Hungrige zu versorgen. Etwa 1.000 davon sind Kinder.

Die Stadtverwaltung und die Bundesbehörden steuern einen Teil der Lebensmittel bei. Den Rest finanziert die Stiftung Margarita Barrientos mit Hilfe von Spenden: Essen, Matratzen, Kleidung, Decken, Möbel, Computer, Bücher, Baumaterialien und Medikamente. In der Armenküche von ´Los Piletones´ kann man frühstücken und zu Mittag und zu Abend essen. Die meisten Besucher kommen mit eigenen Gefäßen, um sich Nahrungsmittel nach Hause mitzunehmen.

Eine Frau, die mit ihren vier Söhnen in der Schlange steht, erzählt, dass die Familie aus Paraguay kommt. Ihr Mann habe in Buenos Aires Arbeit gefunden, die Kinder seien bereits in der Schule angemeldet. Nur die offizielle Aufenthaltsgenehmigung fehle noch.

Auf dem Herd stehen drei riesige, dampfende Töpfe. Eine Küchenhilfe steigt auf einen Hocker und nimmt beide Hände zur Hilfe, um den Inhalt der Töpfe mit einem dicken Holzstab umzurühren. Andere Frauen schneiden Hühnerfleisch klein, schälen Kartoffeln oder putzen den Raum. Geld bekommen sie dafür nicht.

In Argentinien leben laut dem Amt für Statistik 9,9 Prozent der insgesamt rund 40 Millionen Einwohner in relativer und 2,5 Prozent in absoluter Armut. Unabhängige Studien gehen dagegen davon aus, dass die Zahlen mindestens doppelt so hoch sind.

Gegenüber der Küche betreibt die Stiftung ein Gesundheitszentrum, in dem unter anderem Zahnärzte, Gynäkologen und Kinderärzte arbeiten. Angeschlossen ist auch eine gut ausgestattete Apotheke. Kondome können aus einer großen Schachtel mitgenommen werden. Wie Barrientos berichtet, arbeitet die Krankenschwester ehrenamtlich. Die Ärzte sind im Rahmen einer Übereinkunft mit zwei privaten Hochschulen für die Stiftung tätig.

Betreuung für Babys und kleine Kinder

Außerdem gibt es eine Nudelfabrik sowie eine Betreuungsstätte für Kinder zwischen sieben Monaten und fünf Jahren. Dort arbeiten neun Erzieherinnen, die von der Stadt bezahlt werden. Viele berufstätige Frauen, die ihre Kinder allein erziehen, sind dringend auf solch eine Möglichkeit angewiesen. Nebenan liegen eine Bibliothek, ein Computerraum und ein Tageszentrum für Erwachsene mit Speisesaal.

Raúl Cabrera kommt seit acht Jahren zu Barrientos, um zu Mittag zu essen und sich das Abendessen mit nach Hause zu nehmen. Dafür muss er von einem kleinen Ort in der Provinz Buenos Aires aus zehn Stationen mit dem Zug fahren. Bei der Gelegenheit besucht er einige seiner sieben Kinder, die in Villa Soldati wohnen.

"Essen ist sehr teuer", erzählt der 58-Jährige, der allein lebt. "Ein Kilo Brot kostet umgerechnet etwa drei US-Dollar, ein Kilo Fleisch sieben Dollar." Früher arbeitete er auf dem Bau, inzwischen schlägt er sich mit dem Reparieren von Fahrrädern mehr schlecht als recht durch. Er hat weder ein festes Einkommen noch bezieht er eine Rente.

Staatliche Stütze hat auch Nachteile

Immerhin biete der Staat Unterstützung für arbeitslose oder prekär beschäftigte Väter von Minderjährigen an, berichtet Barrientos. Für jedes Kind gibt es demnach umgerechnet 55 Dollar im Monat. Bedingung ist, dass die Mädchen und Jungen regelmäßig zur Schule gehen und geimpft werden.

Barrientos zweifelt allerdings daran, dass die Stütze die Situation der Menschen auf längere Sicht verbessern kann. "Wenn man den Leuten alles schenkt, haben sie keine Motivation mehr zum Arbeiten", kritisiert sie. Wenn eine schwangere 15-Jährige bereits von staatlichen Zuschüssen lebe, werde sie kaum noch daran denken, sich eine Beschäftigung zu suchen.

Autorin: Marcela Valente (IPS)