Kolumbien |

Hoffnung auf Fortschritte im Friedensprozess

Ein paar Worte nur elektrisieren Kolumbien: Es habe Sondierungsgespräche mit der FARC gegeben, verkündete Präsident Juan Manuel Santos der überraschten Nation aus dem "Casa Narino" in Bogota, um zugleich den Rahmen festzuziehen. Das kolumbianische Militär werde auch künftig auf jedem Zentimeter Boden des Landes ihre Aktionen durchführen und Präsenz zeigen, stellte der konservative Regierungschef klar. Erstmals seit knapp einem halben Jahrhundert scheint durch die Ankündigung des Präsidenten eine Lösung des bewaffneten Konfliktes auf dem Verhandlungswege denkbar. Santos will die Gespräche aus einer Position der Stärke heraus führen. Die älteste Guerilla-Organisation Lateinamerika ist nach der umstrittenen Politik der harten Hand von Santos-Vorgänger militärisch geschwächt, besiegt ist sie aber nicht. Santos war unter Uribe Verteidigungsminister und kennt die Stärken und Schwächen der FARC genau.

Aus den Millionenstädten Bogota, Cali oder Medellin hat diese Strategie die Guerilla weitgehend vertrieben. Gestorben und getötet wird dafür auf dem schwer zugänglichen Lande. Erst vor wenigen Wochen stürmten in der Provinz Cauca die indigenen Bewohner eine Militärbasis der Armee und forderten die Soldaten auf ihr Territorium zu verlassen, weil sie auf ihrem Gebiet keine kriegerischen Aktionen mehr dulden wollen. Vor allem die Kolumbianer indigenen Ursprungs geraten immer wieder zwischen die Fronten der Parteien. Die FARC, nicht minder gewaltbereite rechte Paramilitärs und die Armee liefern sich seit Jahrzehnten einen Abnutzungskampf, der fast jeden Tag irgendwo im Land Menschenleben fordert.

Santos wirft seine politische Karriere in die Waagschale

Vielleicht war es die Erfahrung des indigenen Protestes im Cauca, der Santos zu dem Schritt veranlasste, nach langem Zögern nun doch Friedensverhandlungen in Erwägung zu ziehen, weil der seit 50 Jahren das Land lähmende bewaffnete Konflikt in einer Sackgasse steckt. Für Santos steht bei den Gesprächen, die dem Vernehmen nach am 5. Oktober in Oslo beginnen sollen, viel auf dem Spiel. Bereits in den 1980er und 1990er Jahren gab es direkte Verhandlungen mit der damals militärisch noch deutlich stärkeren FARC. Doch die Gespräche scheiterten kläglich, beide Seiten warfen sich damals vor, nicht mit offenen Karten gespielt zu haben. Sind die Gespräche erfolgreich, könnte Santos sogar zu einem Kandidaten für den Friedensnobelpreis werden. Das Nobelpreiskomitee wird die Verhandlungen vor der eigenen Haustür genauestens verfolgen. Scheitert er, dürfte es das Ende seiner politischen Karriere werden, denn viele Politiker aus seinem konservativen Lager lehnen Gespräche mit den "Terroristen" strikt ab. Zumal viele Fragen ungeklärt bleiben: Wohin mit den knapp 10.000 Guerilla-Kämpfern, die im kolumbianischen Dschungel außer der Zwangslektüre von Büchern von Che Guervara und Simon Bolivar nicht viel vom Rest der Welt mitbekommen haben. Die Tageszeitung "El Pais" zählte die wichtigsten Punkte der Verhandlungen auf: Aufgabe des bewaffneten Kampfes, politische Integration, Menschenrechte, Entwicklung des ländlichen Raumes. Als vermittelnde Länder sind Norwegen, Chile, Kuba und Venezuela im Gespräch.

Drogenhandel ist der eigentliche Konfliktherd

Ein Frieden in Kolumbien hätte viele Gewinner: Die ohnehin boomende Wirtschaft des Landes könnte sich ohne den Druck des Bürgerkrieges frei entfalten, Rohstoffvorkommen in bislang umkämpften deshalb nur schwer zugänglichen erschlossen und der Haushalt von den enorm hohen Militärausgaben entlastet werden. Verlierer eines Friedensprozesses wären die ranghohen Militärs, die in einem friedlichen Kolumbien an Einfluss und damit auch an Macht verlieren würden. Die entscheidende Frage aber wird sein, ob sich die FARC-Führung um Timoleón Jiménez alias "Timoschenko" entschließen kann und ob sie die Autorität in den eigenen Reihen besitzt, aus dem milliardenschweren Drogenhandel auszusteigen. Denn die vielen Kokain-Milliarden, um die die Rebellen und die rechten Paramilitärs streiten, sind der eigentliche Konfliktherd in diesem scheinbar unendlichen Krieg. Es werden spannende Wochen in Kolumbien.

Autor: Tobias Käufer

Präsident Santos will Friedensverhandlungen mit der FARC aufnehmen. Foto: flickr/Center for American Progress.