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Hinter den Mauern herrscht Krieg

Vor wenigen Tagen kamen in einem Gefängnis in Venezuela 25 Häftlinge ums Leben. Anfang des Jahres starben bei einem Großbrand in Honduras über 300 Häftlinge. – Nahezu alle Gefängnisse in Lateinamerika sind vollkommen überbelegt, Sicherheitsvorkehrungen sind unzureichend, immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen. Das Gefängnis „San Juan de Lurigancho“ in Peru gehört zu einem der größten Haftanstalten in Lateinamerika. Eine Oase der Ruhe inmitten der Gewaltherrschaft ist die Capellanía der Gefängnispastoral.

Sie schlafen in Massenlagern, auf Gängen, zu viert in einem Bett. Korruption, Drogen, Alkohol und Gewalt sind an der Tagesordnung. Die Rede ist von einem der größten Gefängnisse in ganz Lateinamerika, dem „San Juan de Lurigancho“ in Peru, nordöstlich von Lima. Das Gefängnis ist heillos überbelegt. Vor 40 Jahren wurde es für knapp 2.000 Häftlinge gebaut, heute sind dort über 7.500 Männer untergebracht. Untersuchungshaft gibt es nicht. Knapp die Hälfte der Insassen ist auch nach zwei Jahren häufig noch nicht verurteilt.

Nach Außen hin versuchen die Aufseher das Gefängnis mit Scharfschützen so gut wie möglich abzuriegeln, doch hinter den Mauern herrscht Krieg. Auf die etwa 7.500 Häftlinge kommen knapp 100 Aufseher. – Die Macht hat die Gefängnisleitung den Insassen überlassen.

70 Prozent der Männer sind drogenabhängig

Jemand der dieses gefährliche Terrain mittlerweile sehr gut kennt und sich jeden Tag wieder aufs Neue hineinwagt, ist Pater Norbert Nikolai. Der Bochumer Priester ist seit zwei Jahren Gefängnisseelsorger in Lima. „ Mehr als 70 Prozent der Männer sind drogenabhängig und stürzen dadurch in ein Loch, aus dem nur die Wenigsten wieder herausfinden“, sagt der 48-Jährige. Für die Gefangenen sei ihr Leben ein ständiges Hin und Her zwischen der Droge und dem Vorsatz davon wegzukommen.

Die 21 Blocks der Haftanstalt spiegeln die Machtverhältnisse wider, die man auch auf der Straße findet. Auch hinter den Mauern sind die Häftlinge in Banden organisiert, die sich regelmäßig Kämpfe liefern. Damit gilt „Lurigancho“, wie Pater Nikolai sagt, geradezu als Schule für künftige Täter. „In „Pavillon 10“ zum Beispiel wird von den Gefangenen Crack hergestellt. Dort gibt es auch Druckmaschinen für Falschgeld. Das ist alles bekannt“, so Pater Nicolai.

Drogenbosse regeln ihre Geschäfte hinter den Mauern weiter

An Waffen, Drogen, Alkohol oder Handys zu kommen ist ein Kinderspiel. Wer Geld hat, kann in Lurigancho alles kaufen. Der Mittelgang zwischen den Trakten gleicht einem Marktplatz. Von warmen Mahlzeiten, über Zahnbürsten bis hin zu Hafterleichterung oder musikalischer Showeinlage wird hier alles feilgeboten. Selbst die Drogenbosse regeln hinter den Mauern ihre Geschäfte weiter.

Inmitten dieser Gewaltherrschaft befindet sich ein Zentrum des Friedens, eine Oase der Ruhe – die Capellania, ein Park mit Räumen für die Pastoralarbeit, die Pater Nikolai mit seinem Team dort leistet. Zwei Ordensfrauen und etwa 40 Ehrenamtliche schaffen mitten in dem Chaos des Gefängnisses einen Freiraum, der den Gefangenen Ruhe und Besinnung bietet.

Pastoral bietet Vorbereitung für die „Zeit danach“

Die Pastoral bietet den Insassen neben einem Anti-Drogenprogramm eine umfangreiche Vorbereitung auf die „Zeit danach“. Es gibt Gesprächskreise, Kunst-Workshops, Gitarren- oder Friseurkurse. Aber auch die Betreuung der Aidspatienten nimmt einen großen Raum ein. Das Team bietet den Gefangenen ebenso Rechtsberatung, ärztliche Versorgung und spirituelle Begleitung.

Pater Nikolai legt bei seiner Arbeit großen Wert darauf, dass die Gespräche keine religiösen Grenzen haben. „Wir hängen das Katholischsein nicht an die große Glocke. Bei uns findet man in der Kapelle auch eine Christusfigur. Ansonsten sind wir aber sehr vorsichtig mit religiösen Bildnissen, weil uns andere religiöse Gruppierungen dafür immer wieder kritisieren. Und wir wollen eben für jeden offen sein.“

„Wenn man etwas ausgefressen hat, spielt Gott eine große Rolle“

In den Gesprächen komme allerdings automatisch auch immer wieder die Sprache auf Gott. Viele der Menschen in Peru seien von sich auch sehr religiös. Der Gottesdienst in der Capellania ist immer gut besucht. Rund 400 Männer nehmen regelmäßig daran teil. „Gerade wenn man etwas ausgefressen hat und mit seiner Schuld irgendwo hinmuss, spielt Gott eine wichtige Rolle.“

Pater Nicolai merkt immer wieder, dass allein das Zuhören viel Bewirken kann und sich schon dadurch für den Einzelnen Lösungsansätze ergeben. Seine realen Wirkungsmöglichkeiten sieht er dabei realistisch. „Es sind nur 10 Prozent, die letztlich bleiben, aber auch die 90 Prozent die vielleicht nochmal anklopfen, werden bei uns immer wieder eine offene Tür finden und das Vertrauen, dass es irgendwann vielleicht doch klappt.“

Die Gefängnispastoral, insbesondere das Ernährungsprogramm für die an Tuberkolose und Aids Erkrankten in „San Juan de Lurigancho“, wird von Adveniat unterstützt. Einen kurzes Video und einen Blogeintrag von einem der letzten Besuche von Adveniat-Mitarbeitern finden Sie auf der Internetseite von Adveniat.

Autorin: Mareille Landau

Völlig überfüllte Unterkunft im Zellentrakt 10 im Gefängnis von Lurigancho, Peru. Foto: Steffen/Adveniat