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Haiti: „Keine glückliche Wahl"

Er wird voraussichtlich Haitis neuer starker Mann: Der Popmusiker Michel "Sweet Micky" Martelly ist auf dem besten Wege, am 16. Mai den derzeitigen Amtsinhaber Rene Preval als Präsident des Karibikstaates abzulösen. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) schätzt Michael Huhn vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat die Lage in dem ärmsten Land Lateinamerikas ein.

KNA: Herr Huhn, was ist Michel Martelly für ein Mann?

Huhn: Zunächst einmal ein erfolgreicher Musiker mit einem sehr selbstsicheren Auftreten. Sein Slogan "Es kommt auf den Mann an, nicht auf den Plan" hat bei der Bevölkerung verfangen. Die alten Eliten haben in den Augen der Wähler ihren Kredit verspielt. Da ist es offenbar wenig von Belang, dass Martelly über so gut wie keine politische Erfahrung verfügt.

KNA: Trotzdem ist er in einflussreichen Kreisen kein Unbekannter.

Huhn: Martelly hat eine sehr aktive Rolle in der Zeit der Militärdiktatur von 1991 bis 1994 gespielt. Damals betrieb er in Petionville, einem der Nobelvororte von Port-au-Prince, einen Nachtklub namens "Le Garage". Dort sollen auch die berüchtigten Schlägertrupps Tontons Macoutes unter ihrem damaligen Anführer Michel Francois ein- und ausgegangen sein, bevor sie sich nachts auf die Jagd nach Oppositionellen machten. Francois war es angeblich auch, der Martelly seinen Spitznahmen "Sweet Micky" verpasste.

KNA: Hat diese dunkle Vergangenheit im Wahlkampf keine Rolle gespielt?

Huhn: Zumindest hat sich das alles nicht negativ auf Martellys Bewerbung ausgewirkt. Vielleicht liegt das daran, dass die renommierte spanische Agentur Grupo Ostos&Sola die Kampagne geleitet hat. Und daran, dass Martelly unter dem ehemaligen Präsidenten Jean-Bertrand Aristide, dem seinerseits schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, mit Liedern und im haitianischen Karneval scharfe Kritik an den Verhältnissen im Land geübt hat. Ein Verhalten, das ihm auch politische Popularität bescherte.

KNA: Also eine Wandlung vom Saulus zum Paulus?

Huhn: Eben das glaube ich nicht. Ich fürchte, dass Martelly keine gute Wahl für Haiti ist. Dem Land droht eine zweite "Aristide-Falle". Ähnlich wie in den 90er Jahren der ehemalige Salesianerpater Aristide inszeniert sich "Sweet Micky" als Heilsbringer, ohne dass seine eigentlichen Motive erkennbar wären. Sein bisheriger Werdegang lässt vor allem eines ahnen: dass er die enormen Herausforderungen, vor denen Haiti nicht erst seit dem Erdbeben von 2010 steht, kaum bewältigen kann.

KNA: Sollte die internationale Staatengemeinschaft Druck auf die neue Regierung ausüben?

Huhn: Wenigstens sollte sie bei der Vergabe der Hilfsgelder für den Wiederaufbau des Landes nach dem Beben eine korrekte Rechnungsführung anmahnen. Dennoch fürchte ich, dass selbst bei bester Kontrolle ein Teil der Gelder in Martellys Taschen landen wird. Der Wahlkampf war schließlich teuer.

Von Joachim Heinz (KNA)

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