Argentinien |

Haftstrafen für Einsatz von Agrarchemikalien in Wohngebieten

In Argentinien hat eine Gruppe von Frauen aus einem Armenviertel der nordargentinischen Stadt Córdoba dafür gesorgt, dass erstmals zwei Bauern verurteilt wurden, die ihre Felder mit giftigen Agrarchemikalien besprüht hatten.

Ein Gericht befand den Sojaproduzenten Francisco Parra und den Piloten des Sprühflugzeuges, Edgardo Pancello, am 21. August für schuldig, Gesundheitsschäden der Einwohner von Ituzaingó Anexo billigend in Kauf genommen zu haben. Die beiden Männer wurden zu jeweils drei Jahren Haft verurteilt. Für einen dritten Angeklagten, den Sojafarmer Jorge Gabrielli, endete das Verfahren aus Mangel an Beweisen mit einem Freispruch.

Vier Jahre hatten die sogenannten ´Mütter von Ituzaingó´ auf das Urteil warten müssen. Doch die Strafen stellt sie nicht zufrieden, zumal sie zur Bewährung ausgesetzt wurden. "Diese Bauern haben uns viel Leid zugefügt, und eigentlich hätten wir uns mehr erhofft", sagte Sofía Gatica, die wegen ihres Engagements für den Umweltschutz und die Gesundheit ihrer 5.000 Menschen zählenden Gemeinde den diesjährigen Goldman-Umweltpreis erhalten hat.

Die Frauen haben einen Präzedenzfall geschaffen

Immerhin können sich die Frauen zugutehalten, dass sie einen Präzedenzfall geschaffen haben – und das in einer Region, auf die ein Drittel der nationalen Sojaproduktion entfällt. Argentinien gehört zu den größten Sojaexporteure der Welt. In der letzten Saison wurden 50 Millionen Tonnen auf einer Anbaufläche von fast 19 Millionen Hektar eingefahren.

Gatica hatte 1999 ein Kind mit deformierter Niere zur Welt gebracht. Der Säugling starb am dritten Tag nach seiner Geburt. Daraufhin entschloss sich die Mutter, die Ursachen zu erforschen und begann damit, über das Auftreten von Missbildungen, Krebs und Anämie genauestens Buch zu führen. Sie sah schnell einen Zusammenhang mit dem auf Gensojaplantagen versprühten Herbizid Glyphosat. Gatica hat eine Vielzahl schwerer Missbildungen dokumentiert. So wurden Säuglinge mit sechs Fingern geboren, manchen fehlte ein Zeh, anderen wiederum Unterkiefer oder Darm. Die Mütter von Ituzaingó sorgten daraufhin, dass den Kindern Blutproben entnommen und Gewässer, Luft und Böden untersucht wurden.

Sprühverbot in Wohngebieten

Als sich der Verdacht bestätigte, dass die Krankheiten möglicherweise mit dem Herbizid Glyphosat in Verbindung stehen, setzten die Frauen ein Sprühverbot in Wohngebietsnähe durch. Inzwischen gilt eine Norm, die die Bauern verpflichtet, beim Ausbringen ihrer Agrargifte am Boden oder aus der Luft einen Sicherheitsabstand zu Wohngebieten von 500 beziehungsweise 2.500 Metern einzuhalten.

Die Klagen und Proteste ländlicher Organisationen, Umweltschützer und Bevölkerung riefen schließlich die Zentralregierung auf den Plan. Staatspräsidentin Cristina Fernández schuf 2009 per Dekret eine Nationale Untersuchungskommission für Agrarchemikalien. Diese kam zu dem Schluss, dass es wichtig wäre, angesichts fehlender Daten zu den Auswirkungen von Glyphosat auf die menschliche Gesundheit weitere Studien in Auftrag zu geben.

Staatsanwaltschaft um Aufklärung bemüht

Im gleichen Jahr untersuchte Andrés Carrasco, Wissenschaftler am Labor für molekulare Embryologie der Universität Buenos Aires, die Auswirkungen von Glyphosat auf Amphibienembryonen. "Die in den Labors festgestellten Deformationen decken sich mit denen, die bei Menschen aufgetreten sind, die während der Schwangerschaft Glyphosat ausgesetzt waren", schrieb Carrasco in einem Bericht, der 2010 in der Zeitschrift Chemical Research in Toxicology veröffentlicht wurde.

Der Experte war von der Staatsanwaltschaft als Zeuge der Anklage geladen worden. Auch der Agraringenieur Javier Souza Casadinho trat für die Anklage in den Zeugenstand. Wie er gegenüber IPS erklärte, waren sowohl die Richter als auch die Staatsanwaltschaft redlich um Aufklärung bemüht.

Quelle: IPS, Autorinnen: Marcela Valente und Karina Böckmann

Agrargifte werden in großen Teilen Lateinamerikas ohne besondere Schutzvorkehrungen ausgebracht. Foto: Flickr/Alb Sud Foto