Brasilien, Kolumbien |

Grüne auf dem Vormarsch

Die Katastrophe in Japan hat den Grünen in Deutschland zu bislang ungeahnten Erfolgen an der Wahlurne verholfen. In einigen Ländern Lateinamerika gibt es ähnliche Tendenzen, längst sind die „Partidos Verdes“ ein ernstzunehmender Faktor in der politischen Landschaft des Kontinents.

Mit Spannung beobachten die Politikwissenschaftler derzeit wie der geplante Ausbau der Atomenergie in Ländern wie Brasilien, Argentinien, Chile oder Mexiko eine ohnehin schon stark vertretende grüne Bewegung weiter wachsen lässt. Ausgerechnet Brasilien mit der Vorzeige-Grünen und Regenwaldkämpferin Marina Silva macht sich auf, nicht nur weitere Atomkraftwerke bauen zu wollen, sondern auch noch die vor der Küste im Atlantik vermuteten riesigen ölvorkommen zu erschließen. Eine wirklich überzeugende Lösung für den enormen Energiehunger der kommenden Supermacht Brasilien haben auch die Grünen nicht zu bieten. Da schließt sich der Kreis zum Erfolg der europäischen und deutschen Grünen. Bislang werden die Grünen in Lateinamerika vor allem als Protestbewegung, nicht aber als gestalterische Kraft wahrgenommen.

Das grüne Fieber

"Die Menschen sind müde, ständig die gleichen Antworten aus den linken oder der rechten Schubladen zu hören", sagt der ehemalige grüne kolumbianische Präsidentschaftskandidat Antanas Mockus mit Blick auf die Erfolge der Grünen in Europa, Deutschland und Lateinamerika im Gespräch. "Eine Katastrophe wie Japan erinnert die Menschen daran, dass ein nachhaltiger Ansatz vielleicht doch eine bessere Lösung ist als kurzfristige Versprechen." Das grüne Fieber, so Mockus, hat den Kontinent erfasst. "Jetzt müssen wir daraus aber auch etwas machen."

Marina Silvas überraschender Erfolg

Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva seine Bekanntschaft mit den Grünen schon gemacht: Mit einem strahlenden Sieg im ersten Wahlgang sollte seine Wunschnachfolgerin Dilma Rousseff in Brasilia das Zepter der Macht übernehmen. Doch dann kam Marina Silva. Die ehemalige Mitstreiterin des von Großgrundbesitzern ermordeten Regenwaldschützers Chico Mendes - zuvor wie Lula in der Arbeiterpartei - mischte als grüne Präsidentschaftskandidatin den Wahlkampf auf.

Am Ende standen völlig überraschende 19,3 Prozent für die Außenseiterin zu Buche. Sie zwangen damit die spätere Siegerin Dilma Rousseff in einen zweiten Wahlgang gegen den Herausforderer José Serra. Seitdem ist Silva endgültig zu einer Gefahr für die brasilianischen Machtverhältnisse avanciert. Die brasilianische Filmemacherin Sandra Werneck wird das Leben der charismatischen Grünen bald ins Kino bringen.

Mockus´ Schulterschluss mit der Mittelschicht

Antanas Mockus schaffte es sogar noch eine Runde weiter. Der Philosoph, Mathematiker, Politiker und ehemaliger Bürgermeister von Bogotá wäre fast sogar der erste grüne Staatspräsident Lateinamerikas geworden. Ähnlich wie Silva in Brasilien kann sich Mockus auf einen breiten Rückhalt unter den Ureinwohnern seines Heimatlandes stützen. Seine erste, allerdings noch aussichtslose Kandidatur 2004 wurde von der indigenen Bewegung Kolumbiens getragen.

Im vergangenen Sommer aber schaffte Mockus als Kandidat der Partido Verde (Grüne Partei) den Schulterschluss mit der kolumbianischen Mittelschicht. Tausende von grünen Plakaten schmückten die unzähligen Hochäuser Bogotás. Als Mockus eine "Politik der Bleistifte" versprach, gingen wöchentlich mehr und mehr Menschen zu seinen Wahlkampfveranstaltungen. Mit 21,49% der Stimmen schaffte der Sohn litauischer Einwanderer schließlich die Sensation und durfte im zweiten Wahlgang gegen den späteren Wahlsieger Juan Manuel Santos um das Präsidentenamt antreten. Hier gewann der haushohe Favorit Santos zwar, doch Mockus kam auf beachtliche 27,5 Prozent. Damit wirbelte Mockus wie in Brasilien Marina Silva das bis dato etablierte Parteiensystem durcheinander. "Wir feiern unsere “Geburt auf hohem Niveau” und das Ergebnis zeigt vor allem eines: Wir sind gekommen, um zu bleiben", sagte Wahlkampfmitarbeiterin Angélica Lozano.

Unerwartete Allianzen

So unterschiedlich die politischen Ausrichtungen der Grünen in Lateinamerika sind, so unerwartete Allianzen gibt es. Ausgerechnet Kolumbiens Ex-Präsident Alvaro Uribe, als konservativer Hardliner ein willkommenes Feindbild der europäischen Grünen, hat sich vor wenigen Tagen im Wahlkampf um das zweitwichtigste Amt im Lande, dem Bürgermeisterposten in Bogotá, eindeutig für den Kandidaten der Grünen ausgesprochen. Eine tiefschwarze-grüne Koalition ist in Kolumbien also kein Tabu, damit sind sie kolumbianischen Grünen den Europäern sogar schon einen Schritt voraus.

Autor: Tobias Käufer/Bogotá

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