Chile |

Groüdemonstration für gerechteres Bildungssystem

Eine der größten Demonstrationen der letzten Jahre hat gestern in Chile eine bessere öffentliche Bildung und die Abschaffung des Gewinnstrebens im Bildungsbereich gefordert. Nach Angaben der Veranstalter nahmen allein in Santiago de Chile 200.000 Menschen an einem Protestmarsch teil, der für Stunden die Hauptverkehrsader „Alameda“ lahm legte.

Mit fantasievollen Kostümen, Tänzen und selbstgemalten Comics machten Schüler, Studenten, Lehrer, Professoren und Sympathisanten aus allen Altersschichten auf Ungerechtigkeiten im chilenische Bildungssystem aufmerksam. Nach ihrer Meinung richtet sich dieses zu stark nach dem Geldbeutel der Studenten und zu wenig nach ihrer Leistungsfähigkeit.

Kirche fordert, auf „Studenten zu hören“

Die Forderung nach einem gerechteren Bildungssystem stößt auf immer größeres Echo. Neben Angehörigen staatlicher Einrichtungen, erklärten sich erstmals auch massiv Verbände von Studierenden und Lehrenden aus dem privaten Bereich mit den Grundforderungen der Demonstranten solidarisch.

Auch die katholische Kirche forderte, die „Studenten zu hören“. In einem Hirtenbrief sprach der Erzbischof von Santiago de Chile und Vorsitzende der chilenischen Bischofskonferenz, der Salesianer Ricardo Ezzati, von einer „schweren Schuld“ im Bildungsbereich. Das Land brauche ein „gerechtes“ Bildungssystem, welches „jedem Studenten, unabhängig von seiner persönlichen oder sozialen Situation eine Bildung garantiert, die es ihm ermöglicht, sich in seiner Person vollständig zu entfalten“.

Regierung und Opposition schieben sich Schuld zu

Die konservativ-liberale Regierung des mit schlechten Umfragewerten kämpfenden Staatspräsidenten Sebastián Piñera und die Mitte-Links-Opposition der „Concertación“ schieben sich gegenseitig die Verantwortung für die Misere in die Schuhe. Präsident Piñera erklärte, grundsätzlich protestierten die Studierenden für eine „gute Sache“ und versprach ein Gesetz zur Erhöhung der Bildungsausgaben im öffentlichen Bereich. Der Bürgermeister von Santiago de Chile, Pablo Zalaquett, machte vor allem die Vorgängerregierungen für die Bildungsmisere verantwortlich. Bildungsminister Lavín habe in eineinhalb Jahren Amtsszeit „mehr für die Bildung getan als die Concertación in den letzten 20 Jahren“.

In der „Concertación“ sieht man in der politischen Rechten die Hauptschuldigen für die Proteste. Personen, die während der Pinochet-Diktatur an der Privatisierung des Buldungssystem beteiligt gewesen wären, hätten über Jahre hinweg jede grundsätzliche Reform des Systems blockiert. Camilo Escalona, der frühere Präsident der sozialistischen Partei forderte, die politische Rechte müsse endlich diese Blockade aufgeben und einen „nationalen Pakt“ für die Bildung voranbringen. Über ein Dutzend oppositioneller Abgeordnete verlangten den Rücktritt von Bildungsminister Joaquín Lavín, da er „blind und taub“ gegenüber den Forderungen der Studenten sei.

Protestierende machen gesamte politische Klasse verantwortlich

Die meisten Protestierenden machen die gesamte politische Klasse Chiles für die Situation verantwortlich. Auf zahlreichen Plakaten wurde gegen beide politische Lager gleichsam protestiert. Aufgebrachte Studenten blockierten sogar kurzfristig die Parteizentralen sowohl der Sozialistischen Partei als auch der rechtsgerichteten „Union Demócrata Independiente“.

Während sich die enorme Mehrheit der Protestanten friedlich verhielt, kam es am Rande der Protestmärsche in Santiago und anderen Städten des Landes wieder zu Randalen. In Santiago wurden 38 Personen festgenommen, im gesamten Land über 100. Die Organisatoren distanzierten sich von den Zwischenfällen.

Sebastian Grundberger