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Größte Abfallhalde der Hauptstadt stillgelegt

In Mexiko ist die größte Müllhalde der Hauptstadt geschlossen worden. Unklar ist, was mit 4.600 der täglich 12.600 Tonnen Abfall geschehen soll, für die bisher noch keine Abnehmer gefunden wurden. Die Gemeinden im benachbarten Bundesstaat Mexiko weigern sich, den Müll aufzunehmen.

Umweltschützer sind empört über die ungeklärten Verhältnisse. "Wir fordern seit langem öffentliche Dienstleistungen wie Müllabfuhr, Wasser- und Energieversorgung sowie Nahverkehr ´hauptstädtischer´ zu machen", meinte dazu der Leiter des unabhängigen Zentrums für ökologie und Entwicklung, Iván Restrepo. Der Großteil des Mülls stamme von den Einwohnern des Großraums Mexiko-Stadt, von Berufspendlern und informellen Händlern.

Restrepo und sein Team beobachten seit den achtziger Jahren die Entwicklung der Abfallwirtschaft in dem lateinamerikanischen Land mit Sorge. ´Bordo Poniente´, so der Name der nun geschlossenen Deponie, wurde 1985 auf einer Fläche von 600 Hektar eröffnet.

Abfall belastet Wasser und Luft

7.000 Tonnen des dort gelagerten Mülls stammten aus dem benachbarten Bundesstaat Mexiko, wie die Behörden der Hauptstadt mitteilten. Weitere 70 Millionen Tonnen sind im Erdreich vergraben. Experten zufolge kontaminiert der unter- und überirdische Müll die Umwelt.

Die Schließung der Deponie hat zu einem heftigen Streit zwischen der mexikanischen Regierung, Mexiko-Stadt und dem Bundesstaat Mexiko geführt. Die Zentralregierung bestand bereits seit 2008 auf einer Stilllegung, während die städtischen Behörden das Aus für Bordo Poniente bis 2011 hinauszögern konnten. Der Nachbarstaat war nicht bereit, sich aktiv an der Lösung des Problems zu beteiligen.

Über die Schließung hatten sich die mexikanische Regierung und die Hauptstadt erst Anfang vergangenen Jahres verständigt. Mexiko-Stadt beraumte daraufhin ein internationales Bieterverfahren an. So sollen Investoren gefunden werden, die das bei der Zersetzung der Abfälle entstehende Methangas weiterverarbeiten.

Erhöhter Konsum und mangelndes Umweltbewusstsein

Die Müllkrise spitzte sich zu, als sich in einigen besonders dicht besiedelten Vierteln ungewöhnlich viel Müll ansammelte, wie Ramón Ojeda, der Generalsekretär des Internationalen Gerichts der Klimaschlichtung und Versöhnung (ICEAC), gegenüber IPS erklärte. "Der Konsum ist erheblich angestiegen. Außerdem ist das allgemeine Bewusstsein für Müllvermeidung und –trennung nicht sehr ausgeprägt."

Das Tribunal mit Sitz im spanischen San Sebastián empfahl bereits vor vier Jahren die Stilllegung der Großdeponie und eine auf 71 Millionen US-Dollar geschätzte Sanierung des Geländes. ICEAC war 1994 in Mexiko mit dem Ziel gegründet worden, Umweltkonflikte durch Verhandlungen zwischen Staaten, Einzelpersonen, Unternehmen und unabhängigen Organisationen beizulegen.

Umweltministerium pragert Verschwendung von Ressourcen an

Schätzungen des mexikanischen Umweltministeriums zufolge fallen landesweit mehr als 40 Millionen Tonnen Müll an, von denen lediglich 15 Prozent wiederaufbereitet werden. Das sei eine Verschwendung wertvoller Ressourcen, monierte Restrepo. "Ziel sollte sein, mindestens 60 Prozent des Abfalls wiederaufzubereiten." Es gelte darüber hinaus unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen, die verhinderten, dass sich das ohnehin gravierende Müllproblem weiter verschärfe.

Das Zentrum für ökologie und Entwicklung wies darauf hin, dass der seit den achtziger Jahren geplante Bau von mindestens 30 Abfallhalden ausgeblieben ist. Zurückgeführt wurde das Versäumnis auf einen Mangel an politischem Willen und Korruption.

Recycling als erster Lösungsansatz

Für den Müll des Großraums Mexiko-Stadt, in dem etwa 24 Millionen Menschen leben, stehen zurzeit ganze zwei Kippen im Bundesstaat Mexiko bereit. Sie sollen 3.600 Tonnen Müll aufnehmen, die sie an den Rand ihrer eigenen Kapazitäten bringen könnten.

3.000 Tonnen Müll des Molochs Mexiko-Stadt sollen künftig kompostiert und 800 Tonnen Plastik, Altpapier und Metalle recycelt werden. Vorgesehen ist ferner, das Methan aus 600 Tonnen Müll zur Herstellung von Biotreibstoffen zu verwenden. Dass für die 4.600 Tonnen bisher keine Lösung gefunden werden konnte, hat die Debatte weiter angeheizt.

Wem gehört der Müll?

2009 hatte die Hauptstadtregierung den Bau eines Zentrums für Recycling und Energiegewinnung gestoppt, nachdem Anwohner des geplanten Standorts gegen die Anlage protestiert hatten. Der Umgang mit Abfall und die Voraussetzungen für die Eröffnung von Müllhalden sind in einem Gesetz von 2003 festgelegt. Darin wird allerdings nicht konkretisiert, wem die Abfälle gehören, bis sie in den Besitz der Behörden übergehen. Die wirtschaftliche Verwertung des Mülls wurde durch diese Unklarheit erheblich erschwert.

In Bezug auf die Vorschriften und die Umweltsituation herrsche das reinste Chaos, beklagte sich Ojeda. Gewisse Kompetenzen der Behörden müssten auf die Bürger übergehen, ohne dass der Müllsektor privatisiert werde.

Autor: Emilio Godoy, deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe, Quelle: IPS