Haiti |

Geberkonferenz vor groüen Herausforderungen

In Port-au-Prince kehrt ein Hauch von Normalität ein. Doch zehntausende Menschenleben noch auf der Straße. Wiederaufbau wird Jahre dauern und Millionen kosten. Heute beginnt in Montreal eine internationale Konferenz zu dem Thema.

Während die Helfer in Haiti mit den ersten Epidemien nach dem schweren Beben kämpfen, richtete die internationale Gemeinschaft vor der Konferenz heute in Montreal den Blick auf den Wiederaufbau. In Port-au-Prince kehrte übers Wochenende ein Hauch von Normalität ein: auf vielen Straßen fuhren bereits wieder Tap-Tap-Kollektivtaxis, einige Supermärkte öffneten, vor erstmals wieder funktionierenden Bankautomaten bildeten sich lange Schlangen, und die Verteilung von Hilfsgütern lief nach den Anlaufschwierigkeiten organisierter ab. Blauhelmsoldaten der UNO eskortierten die Essensausgabe. Als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme nahm die UNO derweil 700 Haitianer für fünf US-Dollar täglich unter Vertrag, um Aufräumarbeiten zu erledigen. „Damit wird die Abhängigkeit von Hilfslieferungen gesenkt und Geld in Umlauf gebracht“, erklärte eine Sprecherin des UN-Entwicklungsprogramms UNDP. Mittelfristig sollen 200.000 Personen eingestellt werden.

Zehntausende Obdachlose lebten weiterhin auf der Straße und campten in Parks. Besonders die Versorgung mit Wasser zum Trinken, Waschen und Kochen sei kritisch, erklärte ein Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz. Es gebe bereits erste Fälle von Durchfall, Wundstarrkrampf und Hirnhautentzündung. Die Lage sei kritisch wegen der geringen Impfdichte. Die Unicef wollte in den nächsten Tagen ein großangelegtes Impfprogramm starten. Das Rote Kreuz verteilt nach eigenen Angaben Wasser an 12.000 Menschen, doch der Bedarf sei weitaus höher. „Wir könnten rund um die Uhr Hilfsgüter austeilen, und es würde immer noch nicht reichen“, sagte US-Feldwebel Rob Farnsworth resigniert der Presse. Ein anderes Problem sind Hilfsorganisationen zufolge die inflationär steigenden Preise, da Lebensmittel für viele dadurch unerschwinglich würden. Die Regierung erklärte am Samstag die Bergungsarbeiten für beendet und hat die Einrichtung von Übergangslagern vor der Stadt angekündigt, doch die Vorbereitungen dafür liefen nur schleppend.

Bei dem Beben kamen nach offiziellen Angaben 111.000 Menschen ums Leben, 200.000 wurden verletzt, drei Millionen obdachlos. Knapp 22.000 wurden einem vorläufigen Register des Roten Kreuzes zufolge noch vermisst. Die Hauptstadt wurde weitgehend zerstört. Der Weltbank zufolge büßte Haiti dadurch 15 Prozent seiner Wirtschaftskraft ein. 132 Menschen konnten lebend aus den Trümmern geborgen werden. Eine genaue Bilanz der Schäden lag jedoch noch nicht vor, da die Lage in weiter außerhalb gelegenen Landstrichen noch unklar war.

In Montreal wollten heute zahlreiche potenzielle Geber – darunter die USA, Frankreich, Brasilien und Spanien eine internationale Wiederaufbaukonferenz vorbereiten und erste Leitlinien dafür abstimmen. Die bisherigen Hilfen greifen nach Ansicht des Kommentators Andres Oppenheimer viel zu kurz. „Selbst die von der UNO geforderten 550 Millionen Dollar für den Wiederaufbau decken nach Meinung vieler Experten höchstens zehn Prozent der Wiederaufbaukosten“, schrieb er im „Miami Herald“. „Die Frage ist, ob die Welt bereit ist, so viel Geld für das strategisch unbedeutende Karibikland zur Verfügung zu stellen, oder ob Haiti in einem Jahr wieder vergessen ist“. Der Wiederaufbau wird nach Schätzungen von Experten zwischen fünf und zehn Jahren dauern. Der Internationale Währungsfonds (IWF) sprach von einem Marshall-Plan und schlug einen kompletten, internationalen Schuldenerlass für Haiti vor. Hauptgläubiger des Landes sind die Weltbankgruppe und der IWF.

Größte Herausforderung der Zukunft wird die Koordinierung und Zusammenarbeit der internationalen Gemeinschaft untereinander und mit der haitianischen Regierung sein, die durch die Katastrophe völlig desartikuliert wurde und seither nicht viel mehr als eine Nebenrolle spielt. Das hat zu kritischen Kommentaren geführt und zu Vorbehalten gegen die USA, die mit 16.000 Soldaten einmarschierten und die Kontrolle über Häfen, Flughäfen und die Straßen übernahmen.

Die US-Lotsen hätten zahlreiche französische Hilfsflüge nicht landen lassen, dafür aber diversen US-Politikern eine Landeerlaubnis erteilt, beklagte etwa die französische Hilfsorganisation Medecins sans Frontieres. Die Hilfe sei schlecht organisiert, viele Menschen bekämen gar nichts, während in anderen Stadtviertel dreimal so viel Rationen wie nötig ausgeteilt würden, kritisierte Präsident Rene Preval.

Auch die UNO, die mit 9000 Angestellten zum Unglückszeitpunkt in Haiti präsent war, stand wegen ihrer langsamen Reaktion in der Kritik. Seit Anfang der 90er Jahre gab es diverse UN-Missionen auf der Karibikinsel, die aber alle hinter den Erwartungen zurückblieben. Was nach den Worten des ehemaligen UN-Missionschefs Enrique Ter Horst auf gegenseitigem Unverständnis beruht. „Einerseits sind die Haitianer sehr stolz und nationalistisch. Jedes Vorhaben muss erst vom zuständigen Ministerium genehmigt werden und hängt dort oft fest. Und die internationale Gemeinschaft hat darauf nicht richtig reagiert.“

Autorin: Sandra Weiss