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Frauenmorde - Alarmierende Zahlen und statistische Lücken

In nur 18 Monaten sind in Mexiko 1.238 Frauen durch sexualisierte Gewalt ums Leben gekommen, so die Studie der Monitoring-Kommission OCNF. Das sei allerdings nur die halbe Wahrheit, kritisieren die Autoren selbst: Viele Morde werden einfach nicht untersucht, andere verschwinden in der Kategorie „organisiertes Verbrechen“.

Allein zwischen Januar 2010 und Juni 2011 sind laut OCNF in nur acht mexikanischen Bundesstaaten mindestens 1.235 Frauen Opfer von Frauenmorden (Feminiziden) geworden. Diese Zahlen sind Ergebnisse einer Studie der OCNF. Vorgestellt wurde sie auf einer Pressekonferenz, wenige Tage vor dem "Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen", der jährlich am 25. November begangen wird.

Im Bundesstaat Mexiko gab es demnach 320 Opfer, in Tamaulipas 169 Tote, in Sinaloa 168 Tote, in Jalisco 142 Tote, im Bundesstaat Nuevo Leon 138 Tote, im Haupststadt-Bezirk 138 Opfer, in Oaxaca 125 und in Sonora 71 Frauen, die durch sexualisierte Gewalt ums Leben kamen.

Frauenmorde werden nicht erfasst

Dass nur acht Bundesstaaten in dem Bericht erwähnt werden, den 43 im OCNF zusammengeschlossene Nichtregierungsorganisationen herausgeben, besage keinesfalls, dass in den anderen Staaten dieses Verbrechen nicht geschehe, unterstrich María de la Luz Estrada bei der Pressekonferenz in Mexiko-Stadt. Grund hierfür sei, „dass die anderen 24 Bundesstaaten keine diesbezüglichen Informationen zur Verfügung stellen“, so Estrada.

Auch wenn diese Zahlen schon aufschlussreich seien ‒ noch mehr seien es die Antworten von Behördenvertretern bezüglich dieser Verbrechen. Denn bei 60 Prozent der Fälle seien die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen und 25 Prozent der Fälle würden in die Kategorie "organisiertes Verbrechen" eingeordnet, so die Frauenrechtlerin.

Alarmierende Zahlen und statistische Lücken

„Wir verstehen nicht, wie diese Fälle als organisiertes Verbrechen klassifiziert werden können, wenn die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen sind" unterstrich Estrada und forderte den mexikanischen Staat auf, die Klassifizierung nicht als Ausrede zu nutzen, um die Morde nicht zu untersuchen. Laut Studie der OCNF ist in lediglich vier Prozent der Fälle bisher ein Verfahren eröffnet und ein Urteil gesprochen worden.

Untersucht wurde von der OCNF auch die Zahl der verschwundenen Frauen im selben Zeitraum. Nur neun mexikanische Bundesstaaten haben überhaupt diese Zahlen erhoben. Demnach sind zwischen Juni 2010 und Juli 2011 mindestens 3.282 Frauen in den Bundesstaaten Chihuahua, Nuevo León, Jalisco, Quintana Roo, Hidalgo, Estado de México, Sinaloa, Coahuila und Veracruz verschwunden. Besonders „alarmierend“ bezeichnen die Autoren der Untersuchung die Situation in Veracrúz. Dort verschwanden im genannten Zeitraum 747 Frauen von denen 108 gefunden wurden ‒ allerdings wurde statistisch nicht erfasst, ob man sie tot oder lebendig wieder fand.

Fehlender politischer Wille

Die Mitgliedsorganisationen der OCNF kritisierten das zu geringe Engagement staatlicher Stellen, an diesen „alarmierenden“ Zuständen etwas zu ändern. Als Ausdruck dessen wurde in der mexikanischen Presse auch die kurzfristige Absage der Generalstaatsanwältin Maricela Morales sowie von Vertretern des Innenministeriums für die Teilnahme an der Pressekonferenz gewertet, auf der die OCNF ihren Bericht vorstellte.

Immerhin wurden Frauenmorde in mehreren Bundesstaaten als eigener Straftatbestand aufgenommen bzw. werden derartige Gesetzesänderungen diskutiert. Im Juni dieses Jahres hatte der Hauptstadt-Distrikt (Distrito Federal) seine Gesetze entsprechend geändert. Als erster Bundesstaat hatte Guerrero noch im vergangenen Jahr Feminizide als eigene Kategorie eingeführt. Die OCNF kommentierte die Gesetzesänderungen als notwendig, um „den Opfern und Angehörigen den notwendigen Zugang zur Justiz zu garantieren“.

Autor: Guillermo Montalvo Fuentes (Notiese) in Adital; Deutsche Bearbeitung: Bettina Hoyer