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Fidel wacht über sein Erbe

Er sei wieder voll auf dem Damm – das behauptete Kubas Revolutionsführer Fidel Castro neulich jedenfalls. Wenige Wochen vor seinem 84. Geburtstag erschien er tatsächlich wieder auffällig oft in der öffentlichkeit. Und zwar nicht wie bei seinen vorherigen Auftritten als alter, gebrechlicher Mann im Pyjama neben dem Bett. Für die Ehrung ehemaliger Kämpfer warf er sich in einen Kampfdress, im weißen Trainingsanzug besuchte er Wissenschaftler, vor kommunistischen Jugendlichen dozierte er leger am Stehpult, und im Holzfällerhemd redete er im Staatsfernsehen 75 Minuten lang über die Lage der Welt. „Es war ein bewegender Moment, den Comandante wiederzusehen. Ich habe ihn sehr vermisst“, kommentierte der 16jährige Pionier Elián Gónzalez nach dem Vortrag Castros. Demnächst will der Staatsmann, der sich vor vier Jahren nach einer schweren Darmoperation von seinen politischen Ämtern zurückgezogen hat, seine Memoiren veröffentlichen.

Beobachter sehen darin ein klares Signal an die öffentlichkeit. Der Gralshüter der Revolution meldet sich inmitten einer schweren Wirtschaftskrise zu Wort und gibt deutlich zu verstehen, dass trotz der Freilassung von 52 Dissidenten durch seinen Bruder und Nachfolger Raul noch lange kein politischer Wandel anbricht. Darauf deutet auch hin, dass zum Jahrestag des Sturms auf die Moncada-Kaserne am 26. Juli erstmals keiner der beiden Castro-Brüder das Wort ergriff. Stattdessen redete Vizepräsident Ramon Machado hölzern über das Erbe der Revolution und erklärte, Veränderungen gäbe es nur nach den Vorgaben und im Rhythmus der kubanischen Führung. Kein Wort über die Dissidenten, kein Wort über die Wirtschaftskrise und schon gar keine neuen Reformankündigungen.

Fidel, der Bremser, Raul der Reformer? Oder ein abgesprochenes Rollenspiel zwischen beiden? Aufschluss darüber wird wohl erst die Zukunft bringen. öffentlich hält sich Fidel mit Kommentaren zur aktuellen Lage auf Kuba auffallend zurück. Die beiden Brüder verbindet neben der Blutsbande ein gemeinsamer Lebensweg. Die Beziehung der beiden unterschiedlichen Charaktäre war nicht frei von Spannungen, funktionierte aber, weil sich Raul stets im Schatten seines charismatischen Bruders hielt. Fidel, der ältere, brillante, egozentrische, wortgewandte Frauenheld. Raul, der introvertiertere, aber machiavellische Strippenzieher im Hintergrund. Seine Aufgabe war es, die Militärs auf Linie zu halten, während Fidels Charisma die Loyalität der Bevölkerung garantierte. Unterschiedliche Meinungen haben die beiden beispielsweise über die Wirtschaftspolitik. Während Fidel Anfang der 90er nur zögerlich den Kubanern erlaubte, auf eigene Rechnung zu arbeiten, schickte Raul die Militärs zu Managementkursen und machte aus ihnen die tragende Verwaltungselite des Landes. Differenzen gibt es auch hinsichtlich der Haltung zum Venezolaner Hugo Chavez. Fidel sieht in dem linken, in Erdöldollars schwimmenden Caudillo einen Ziehsohn, der in Lateinamerika die Fackel der Revolution hoch hält. Raul weiß, dass die venezolanischen Erdöllieferungen Kuba aus dem Energieengpass helfen, ist aber deutlich zurückhaltender gegenüber Chavez.

Seit Fidels Erkrankung lastet die Verantwortung auf Raúl. Und der jüngere der Castro überraschte mit einem eigenen Kurs. Es begann mit kleinen Schritten zur wirtschaftlichen Liberalisierung wie der Freigabe des Kaufs von Konsumgütern wie Handys. Raul, der als Bewunderer des chinesischen und vietnamesischen Modells gilt, regte die Bevölkerung zu einem Prozess der Selbstkritik und Reflexion an, entspannte die Beziehungen zu den USA und begann Gespräche mit der Katholischen Kirche und der EU, in deren Folge jetzt die Dissidenten freigelassen wurden. Die Wirtschaftslage hat sich freilich nicht merklich verbessert. Die Frustration der Bevölkerung wächst, der Reformdruck steigt. Und Fidel wacht über sein Erbe.

Autorin: Sandra Weiss