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Familienpolitik auf Lateinamerikanisch

Manchmal hilft eben nur noch ein Gang zum Scheidungsrichter: First Lady Sandra Torres de Colom möchte gerne Präsidentin von Guatemala werden. Das ist nichts Ehrenrühriges, allerdings spielt die Verfassung des mittelamerikanischen Landes bei diesen Karriereplänen nicht mit.

Guatemalas Konstitution verbietet es Verwandten eines amtierenden Präsidenten selbst für das höchste Amt im Staate zu kandidieren. Das Ehepaar Álvaro Colom und Sandra Torres de Colom hat sich deshalb entschieden, den Bund fürs Leben zu lösen. Die Liebe des Ehepaares ist zwar nicht erloschen, aber um den Weg ins Präsidentenamt frei zu machen, müssen eben Opfer gebracht werden. Schon in der Vergangenheit hatte Sandra Torres hinter den Kulissen großen Einfluss ausgeübt. Als Aufseherin über das Programm zur Armutsbekämpfung sammelte sie Symphatiepunkte, diese können im Wahlkampf noch einmal wichtig werden.

Argentinien: Geldvermehrung bei Kirchners

Guatemala ist nicht das einzige Land in Lateinamerika, in dem familiäre Bande eine ganz entscheidende Rolle über die Verteilung der Macht spielen. In Argentinien wechselten sich Nestor und Christina Kirchner im Präsidentenamt ab. Seit sie die politischen Fäden in der argentinischen Politik hielten, wuchs ihr Privatvermögen um das Dreifache. Seit dem Tod von Nestor Kirchner vor wenigen Wochen kämpft Christina Kirchner alleine weiter.

Kuba: Brüderliche Bande

Was die Kirchners können, ist den Castros schon lange recht. Als Kubas Revolutionsführer Fidel Castro vor rund fünf Jahren aus gesundheitlichen Gründen aus der ersten Reihe abtrat, rückte nicht etwa ein jüngerer Nachfolger aus der nachrückenden Generation nach. Die Macht blieb in der Familie: Raul Castro führt seitdem die Geschicke der Karibikinsel an. Wer allerdings den beiden mittlerweile über 80 Jahre alten kommunistischen Schlachtrössern einmal nachfolgen wird, ist ungewiss.

Kolumbien: Machtkonzentration bei Familie Santos

Auch in Kolumbien sind Familienverbindungen Gold wert. Wohl kaum eine Familie hat so viel Macht und Einfluss wie die von Präsident Juan Manuel Santos. In den vergangenen Jahrzehnten leitete die Familie das mächtige Medien-Imperium um die führende Tageszeitung "El Tiempo", ehe ein spanischer Investor das Unternehmen aufkaufte. Trotzdem ist der Einfluss ungebrochen. Nach dem Ende der Ära Uribe im vergangenen Jahr wechselte dessen Vize-Präsident Francisco Santos in eine führende Position des Radiosenders RCN. Francisco Santos ist der Cousin des amtierenden Präsidenten Juan Manuel Santos, der wiederum war in der Uribe-Ära Verteidigungsminister.

Geschwisterwirtschaft in den USA

Wer angesichts dieser Vetternwirtschaft die Nase rümpft, dem sei ein Blick in die USA empfohlen. Auch hier zahlten sich familiäre Bande mehr als einmal aus. Zuletzt beim umstrittenen Wahlsieg von George W. Bush im Jahr 2000 gegen Al Gore. Ausgerechnet im Bundesstaat Florida wurde damals eine wochenlange Zerreißprobe um die Wählerstimmen ausgetragen. Am Ende gewann George W. Bush per Gerichtsentscheid. Der für die Wahlauszählung damals zuständige Gouverneur kam aus der gleichen Familie. Es war Jeb Bush, der Bruder des neuen Präsidenten.

Autor: Tobias Käufer, Bogotá