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Falsche Gipsarme und Poimplantate aus Kokainkapseln

Der "typische Drogenhändler" lauert hinter der Eingangstür. Ganz wie im realen Leben wird er zunächst einmal übersehen, dabei ist er eigentlich sehr auffällig mit seinem Polyester-Hawaiihemd, der goldenen Rolex und der großen Gürtelschnalle. Der Drogenhändler ist eine Schaufensterpuppe, doch sein Zubehör entstammt dem reichen Fundus der mexikanischen Drogenfahnder, wie auch die übrigen Exponate in dem etwas anderen Museum, das sich im siebten Stock des Verteidigungsministeriums in Mexiko-Stadt verbirgt.

Es ist mit seinen zehn Ausstellungsräumen das weltweit größte seiner Art und wird ständig aktualisiert. Entworfen ist es eigentlich als Anschauungsmaterial für angehende Drogenfahnder. Nicht-Militärs dürfen es nur mit Sondergenehmigung besuchen – "wir wollen die Leute nicht auf dumme Gedanken bringen", entschuldigt sich der Museumsleiter, Victor Jimenez.

Maßarbeit gefragt

Zu staunen gibt es einiges für Nicht-Eingeweihte. Wie aus dem Extrakt der Mohnkapseln mittels Chemikalien und Destillation Heroin hergestellt wird, etwa. Dass die Drogenhändler gerne Frauen und Kinder beschäftigen, um die empfindliche Mohnkapsel anzuritzen, aus der dann tropfenweise eine zähe, weiße Flüssigkeit austritt – Opiumextrakt. Dass ein Hektar Marihuanapflanzen eine Tonne der Droge ergibt, während ein Hektar Mohn "nur" sieben Kilogramm Opiumextrakt abwirft. Beide brauchen etwa drei bis vier Monate, um heranzureifen und wachsen vor allem in der Regenzeit von Juli bis September. Koka gedeiht in Mexiko nicht; durch das Land führen aber die wichtigsten Transitrouten für das weiße Pulver, das in Kolumbien, Peru und Bolivien angebaut und hauptsächlich in den USA und Europa konsumiert wird. Auch der skurrilen „Narcokultur“ ist eine Abteilung gewidmet. In ihr sind ein kugelsicherer Schlafanzug des Drogenhändlers Osiel Cardenas zu bewundern und ein mit Gold und Diamanten verziertes Handy im Wert von 10.000 Dollar.

Schriftliche Drohbriefe, die Bauern auf ihren Anpflanzungen an die Sicherheitskräfte hinterlassen, sind ebenso ausgestellt wie Fotos der kleinen Kapelle für Jesus Malverde in der nordmexikanischen Stadt Culiacan. "Die Behörden haben die Kapelle schon mehrfach abgerissen, aber die Leute haben sie immer wieder an anderer Stelle aufgebaut", erzählt Jimenez. Malverde wird verehrt als eine Art Robin Hood, der die reichen Großgrundbesitzer ausraubte und die Beute mit den armen Tagelöhnern teilte. Dafür sollen sie für ihn Marihuana angebaut haben, das er in die USA schmuggelte. Er wurde angeblich 1909 in Culiacan aufgehängt und soll zahlreiche posthume Wunder vollbracht haben. Wer ihm Opfergaben darbringt, darf auf seinen Beistand im Bandenkrieg und auf Schutz für seine Drogentransporte hoffen.

Kuriose Verstecke für Drogen

Das gleiche Katz-und-Maus-Spiel, das die Behörden von Culiacan gegen Malverde führen, wiederholt sich im Alltag der Drogenfahnder. Denn es gibt Hunderte von Spielarten, Drogen zu verstecken: Doppelte Böden in Benzintanks, Auto- und Fahrradreifen, Surfbretter, Teleskope, falsche Gipsarme, falsche "Schwangere", Puderdosen, Sandalen mit doppelter Sohle, Kameraobjektive, ausgehöhlte Bücher und Bilderrahmen. Sogar falsche Poimplantate aus vier Kilogramm Drogenkapseln entdeckten die Fahnder bei einer Kolumbianerin am Flughafen von Mexiko-Stadt. Um die Spürhunde zu täuschen, werden die Drogen mit Fett versetzt oder chemisch zu geruchlosen Substanzen umgewandelt – wie etwa beim schwarzen Kokain. Dem setzen die Fahnder Röntgenstrahlen, Hunde und mit Chemikalien getränkte Tücher entgegen, die sich im Kontakt mit Drogen-Staubkörnern verfärben. "Aber vieles ist Gespür", sagt Jimenez, „etwa, wenn eine angeblich Schwangere beim Anblick von Polizisten zu rennen anfängt.“ Und zum Großteil Aufklärungsarbeit im Vorfeld, beispielsweise wenn Informanten die Fahnder von einer bevorstehenden Lieferung informieren.

Eine Gedenktafel am Eingang des Museums erinnert an die über 800 bei Anti-Drogen-Einsätzen gefallenen Militärs. Weniger gerne erinnern sich die Uniformierten an Vorgesetzte wie General Jesus Gutierrez Rebollo. Der oberste Drogenbekämpfer wurde im Februar 1997 festgenommen, nachdem die Staatsanwaltschaft herausgefunden hatte, dass er ein fürstliches Zweitgehalt von dem inzwischen verstorbenen Drogenboss Amado Carrillo Fuentes bekam. Dessen Pistole, mit den goldgravierten Lettern ACF und gespickt mit Smaragden und Brillanten, ist ebenfalls ausgestellt. Jimenez schätzt ihren Wert auf 50.000 Dollar – ein Vielfaches von dem, was er oder seine Mannen jeden Monat verdienen.

Autorin: Sandra Weiss