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"Eukalyptus können wir nicht essen"

Brasilianische und internationale Umweltschützer, organisierte Kleinbauern und Arbeitsrechtler erheben erneut schwere Vorwürfe gegen den Umgang der Forstindustrie mit der heimischen Umwelt und armen Landbewohnern. Ins Visier der Aktivisten sind der schwedisch-finnische Holz- und Papiermulti Stora Enso und sein brasilianischer Partner Fibria geraten. Ihr Joint-Venture-Unternehmen Veracel Celulosa besitzt im Süden des Bundesstaates Bahia große Eukalyptusplantagen, auf denen der Papierrohstoff wächst, sowie eine Zellulosefabrik und einen eigenen Atlantikhafen.

Verstöße gegen Arbeits- und Umweltgesetze

Die Liste der gegen Veracel gerichteten Vorwürfe ist lang. "Seit seiner Ankunft in der Gegend hat sich das Unternehmen der Korruption, der Geldwäsche, der Urkundenfälschung und Steuerflucht schuldig gemacht sowie gegen Arbeits- und Umweltgesetze verstoßen", sagte der MST-Aktivist Marcelo Durão Fernandes. Wortführer der Kritiker sind das Studienzentrum für Entwicklungsstudien im äußersten Süden Bahias (CEPEDES), die Landlosenbewegung MST und die internationale Organisation Friends of the Earth (FOE).

Fernandes berichtete, das für den öffentlichen Dienst zuständige Ministerium und die nationale Umweltbehörde IBAMA hätten von Veracel wiederholt Geldbußen wegen der Verseuchung von Gewässern mit giftiger Agrochemie kassiert. Veracel wird zudem beschuldigt, seine Plantagen auch auf traditionellem Land, in Naturschutzgebieten sowie in ökologisch sensiblen Gebieten, an Berghängen und Flussufern angelegt zu haben.

Bodenerosion durch Wasserentzug

Fernandes kritisierte, die Böden seien erodiert, weil ihnen durch den großflächigen Anbau von Eukalyptus Wasser entzogen wird. Zudem habe das massive Roden die Mata Atlântica, den Waldgürtel entlang der Atlantikküste, in den vergangenen Jahrzehnten auf sieben Prozent seiner ursprünglichen Fläche reduziert. Als Ursachen nannte der Sprecher der Landlosenbewegung Großfarmen, Viehwirtschaft und die fortscheitende Urbanisierung in der Region.

Auch Arbeitsrechtler haben Veracel vor Gericht gebracht. Einen Tag nach der Aktionärsversammlung von Stora Enso in Helsinki am 20. April, auf der der skandinavische Holz- und Papiergigant einen 2010 erzielten Jahresgewinn von 817,4 Millionen Euro bekannt gegeben hatte, berichtete eine Gruppe von Nichtregierungsorganisationen von über 850 Prozessen, die in den letzten Jahren vor dem Arbeitsgericht von Eunápolis gegen Veracel und seine Subunternehmen angestrengt worden waren.

Die größten Eukalyptusplantagen wurden in den ostbrasilianischen Bundesstaaten Bahia und Espírito Santa sowie im Süden im Bundesstaat Rio Grande do Sul angelegt. Das auf inzwischen zwei Millionen Hektar Land schnell wachsende Holz ist für Papier- und Zellulosefabriken bestimmt und bringt Exporterlöse von fünf Milliarden US-Dollar ein.

Kein Land für Kleinbauern

"Anstatt uns Kleinbauern mit genügend Land zu versorgen, damit wir es nachhaltig für den Eigenbedarf bewirtschaften, überlässt man es Großinvestoren der Agroindustrie, die damit hohe Gewinne erzielen", klagte Fernandes. "Doch Eukalyptus können wir nicht essen."

2008 hatte die Staatsanwaltschaft gefordert, die Veracel ausgestellten öko-Lizenzen zurückzuziehen. "Korrupte Beamte haben sie illegal erteilt, nachdem Bürgermeister und Gemeinderäte bestochen worden waren", stellte der für Eunápolis zuständige Staatsanwalt João da Silva Neto damals fest. Später musste Veracel in vier Gemeinden den Eukalyptus durch einheimische Gewächse ersetzen.

Nach Angaben der CEPEDES-Specherin Ivonet Gonçalves wurden viele Eukalyptusplantagen ohne Umweltlizenz angelegt. Sie schaden der biologischen Vielfalt und zwangen Tausende Kleinbauern, ihre Felder aufzugeben und wegzuziehen. Die sich in Brasilien ständig weiter ausbreitenden Monokulturen wie Soja, Zuckerrohr und Eukalyptus gefährden die Versorgung der eigenen Bevölkerung, warnte Fernandes. "Für den Anbau von Grundnahrungsmitteln wie Reis, Bohnen und Maniok bleibt immer weniger Land übrig."

Dramatischer Verlust von Arbeitsplätzen

Auch die Arbeitschancen für Einheimische hätten sich durch Veracel verschlechtert, meinte CEPEDES-Sprecherin Gonçalves. Sie verwies auf amtliche Angaben und auf von der Gewerkschaft der Landarbeiter ermittelte Zahlen. Danach verschafften die noch 2002 in der Region angebauten acht Arten von Feldfrüchten rund 30.000 Menschen Arbeit. " Heute gibt es bei Veracel noch 400 Arbeitplätze und bei den Subunternehmen weitere 2.500 indirekte Jobs", berichtete sie.

Firmensprecherin weist Vorwürfe zurück

In einer Stellungnahme betonte Veracels Pressesprecherin Débora Jorge per E-Mail, bei dem von dem Unternehmen angekauften Land habe es sich zu 97 Prozent um Viehweiden gehandelt und nicht um bewirtschaftetes Ackerland. "Wir roden auch nicht alles für die Eukalyptusplantagen, sondern erhalten pro 100 Hektar Eukalyptuswald einen Hektar im Naturzustand. Inzwischen werden fast 105.000 Hektar geschützt", gab Jorge an. In seinem 1994 ins Leben gerufenen Programm für den Atlantik-Wald habe sich das Unternehmen verpflichtet, bis 2004 jährlich 400 Hektar Waldfläche aufzuforsten. Bis Ende 2010 seien daraus schon 4.000 Hektar geworden.

"Nur genehmigte Agrochemie"

Den Vorwurf, giftige Herbizide einzusetzen und den Böden durch Eukalyptus Wasser zu entziehen, wies die Firmensprecherin ebenfalls zurück. Man verwende nur genehmigte Agrochemie und dies mit der gebotenen Sorgfalt. Zudem hätten Untersuchungen des Forschungsinstituts der brasilianischen Forstwirtschaft ergeben, dass ordentlich bewirtschaftete Eukalyptusplantagen nicht mehr Wasser benötigten als einheimische Wälder, betonte sie.

Nur die wenigsten arbeitsrechtlichen Verstöße, 175 bis September 2010, seien Veracel angelastet worden, versicherte Jorge. Die übrigen 766 hätten sich mit den Arbeitsbedingungen bei Subunternehmen befasst.

Für den Chef der Landlosen-Organisation steht fest, dass die Zellstoffwerke in Brasilien ihre Produktion exportieren und 60 Prozent ihrer Gewinne ins Ausland schaffen. "Uns überlässt man die Verantwortung für die durch die Monokulturen der Agroindustrie entstandenen Umweltschäden und für die Verelendung im südlichen Bahia."

Fabiana Frayssinet, IPS-Weltblick