Argentinien |

"Ein toter Indigener: Ein Problem weniger"?

„Die mit der stärksten Stimme sind jene, denen am wenigsten zugehört wird.“ Eduardo Galeano

Felix Díaz, Anführer des indigenen Volkes der Qom, spricht in einem Interview über die Ignoranz der argentinischen Regierung und die Zusammenarbeit mit Indigenen in Bolivien und Paraguay. Die Qom leben in Nordargentinien.

Die Gemeinschaft der Qom zeigt seit einigen Jahren mediale Präsenz. Was war der Grund, an die öffentlichkeit zu gehen?

Wir begannen 2010 damit, uns gegenüber der Regierung der argentinischen Provinz Formosa zu äußern. Ursachen waren eine neue Welle des Raubs indigenen Landes und die Verweigerung von Rechten, wie sie in der Verfassung stehen. Diese müssten zum Schutz des Landes und der körperlichen Unversehrtheit der indigenen Völker angewendet werden. Wir haben klar gemacht, dass wir nicht länger wie Objekte behandelt werden wollen, sondern als Rechtssubjekte. Es ist daher sowohl legitim als auch legal, dass wir kämpfen, um die Gewalt zu beenden, die gegen uns ausgeübt wird und keine Angriffe mehr zulassen, die unsere berechtigten Forderungen zum Schweigen bringen wollen: die Forderung nach Land und Leben.

Am 23. November 2010 verloren wir unseren Bruder Roberto López, der sich in der Hand der Polizei von Formosa befunden hatte. Bis zum heutigen Tag ist der Fall nicht untersucht worden. Kein einziger Polizist wurde inhaftiert. Ausschließlich Indigenen wurde der Prozess gemacht, wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt und einer Menge konstruierter Vorwürfe, die dazu dienten, die indigenen Völker als „die Schlechten“ in diesem Film abzustempeln.

Die Provinzregierung von Formosa unterstützt das bewaffnete Vorgehen der Polizei, die unsere Häuser niederbrennt und unsere Ausweis-Dokumente vernichtet. Frauen, alte Menschen und Kinder wurden in Haft genommen. Die Tragödie des 23. November 2010 hat dafür gesorgt, dass unser Fall bekannt wurde. Wir haben Unterstützung erhalten von Künstlern und Intellektuellen, von sehr vielen Menschen, welche die Einstellung dieser demokratischen Regierung uns gegenüber entschieden zurückweisen. Wir versuchen, ein Teil dieses Landes zu sein, das sich „Argentinien“ nennt und noch immer unsere Existenz nicht zur Kenntnis nimmt.

Die Mächtigen beschuldigen die Indigenen, „gegen den Fortschritt“ zu sein.

Das Land ist ein Teil unserer Existenz. Kein Handelsgut, so wie es die Unternehmer sehen, die von einem großen Hunger danach getrieben werden, das Leben selbst zu zerstören. Wir möchten die Mutter Erde intakt bewahren vor der Umweltverschmutzung, unter anderem durch das Beräuchern von Sojafeldern mit giftigen Chemikalien.

Verhandeln ist ja eine sehr alte Praxis der indigenen Völker.

Wir Indigenen wollten immer reden, die Dinge sagen, wie sie wirklich sind. Doch der argentinische Staat verweigert sich dem Dialog. Wenn ein Indigener stirbt, hat er ein Problem weniger.

Welche Verbindungen bestehen mit den Indigenen der Nachbarländer?

Wir Indigenen, die im Norden Argentiniens leben, haben Kontakte zu den Indigenen in Paraguay und Bolivien, aber auch in anderen Ländern. Wir teilen die gleiche Kosmovision.

Derzeit läuft eine Kampagne, um das Denkmal für den berüchtigten General und ehemaligen Präsidenten Julio Argentino Roca in Buenos Aires zu beseitigen. Er ließ viele Ureinwohner und Arbeiter umbringen. Was bedeutet dieser Kampf für das Volk der Qom?

Er stellt eine große Gelegenheit für uns dar zu sagen, was wir empfinden. General Roca war der Ideologe für sehr viele Tode. Mit der Entfernung des Denkmals wären unsere strukturellen Probleme sicher nicht gelöst, doch bietet sich zumindest die Chance zu erzählen, wie das Leben der indigenen Völker ist. An das vergangene Jahrhundert und an die Gegenwart erinnern sich Tausende verfolgter und in unwirtliche Gegenden verdrängter Indigener, und sie werden sich immer daran erinnern. Und nun sieht es so aus, dass sich ausgerechnet dort, wohin wir mit Gewalt gebracht wurden, die von unseren Peinigern begehrtesten Ressourcen befinden. Sie töten uns ein weiteres Mal und entreißen uns auch noch das wenige, das uns geblieben war. Das gleiche geschieht mit dem Widerstand unserer Brüder in Chile, Bolivien und Paraguay.

Die Staaten Lateinamerikas waren keine Erfindung der indigenen Völker.

Die Region, die wir Qom bewohnen, grenzt an Paraguay. Wenn man von Argentinien nach Paraguay kommt, muss man sich als Paraguayer bezeichnen. Und im umgekehrten Fall als Argentinier. Wir Indigenen hatten aber keine Grenzen. Aus diesem Grund taucht der Tod vieler Indigener nicht in den amtlichen Berichten auf. Denn sie sind nicht registriert.

Interview: Andrés Figueroa Cornejo

Quelle: http://www.adital.com.br/site/noticia.asp?lang=ES&cod=68039

Deutsche Bearbeitung:Bernd Stößel