Mexiko |

Ein Pfarrer allein gegen Drogenmafia und Menschenhandel

Kein Tag ohne neue Hiobsbotschaften: Der mexikanische Pfarrer Alejandro Solalinde hat eine Woche hinter sich, die er wohl so schnell nicht vergessen wird. "Der unbequeme Solalinde" wie ihn die Tageszeitung "Noroeste" am Wochenende treffend taufte, befindet sich im Krankenhaus "Macedonio Benitez" im Städtchen Juchitan de Zaragoza zwar auf dem Weg der Besserung, doch ranken sich nicht nur um seinen aktuellen Gesundheitszustand heftige Spekulationen.

Der 67 Jahre alte katholische Geistliche, der eine international bekannte Herberge für illegale Einwanderer mit dem Namen "Hermanos en el Camino" (Brüder auf der Reise) in Ixtepec im Bundesstaat Oaxaca leitet, wurde in der vergangenen Woche mit Verdacht auf Dengue-Fieber ins Hospital eingeliefert. Am Wochenende gaben die Mitarbeiter der Migranten-Herberge in einer Erklärung jedoch Entwarnung. Es gehe ihm besser, man müsse aber die Ergebnisse der medizinischen Untersuchungen abwarten, schreiben sie - nicht ohne sich einen Seitenhieb zu verkneifen: "Beten wir, dass er sich bald erholt und zu seiner Mission mit unseren Brüdern und Schwestern Migranten zurückkehren kann."

Denn die Zukunft von Pfarrer Alejandro Solalinde ist das zweite Thema, das die mexikanischen Medien derzeit beschäftigt. Einige Zeitungen zitierten Solalinde mit den Worten, ausgerechnet die mexikanischen Bischöfe hätten ihn zum Verlassen der Herberge aufgefordert, die wie keine andere Institution als Symbol des Widerstandes gegen die Drogenkartelle und organisierte Kriminalität stehe.

Mitarbeit oder Mord lautet die Alternative

Solalinde bietet mit seiner Herberge der Mafia die Stirn. Menschenhandel ist einer der lukrativsten Geschäftszweige der organisierten Kriminalität in Mexiko. Die illegalen Einwanderer, die sich über Mexiko in die USA durchschlagen wollen, befinden sich meist im Zustand völliger Rechtlosigkeit. Weil sie sich auf ihrer Durchreise in die USA illegal in Mexiko aufhalten, können sie sich nicht an die Polizei wenden: So sind sie schutzlose Opfer der Mafia. Die wiederum nutzt diese Situation aus, um die Migranten zu erpressen: Mitarbeit oder Mord lautet die Alternative.

Pater Alejandro Solalinde ist so etwas wie eine Lebensversicherung für die Migranten. Für die Drogenmafia ist er deshalb ein Stachel im Fleisch, der ihre lukrativen Geschäfte stört. Aber auch für die mexikanischen Beamten, die er an ihre Pflichten erinnert, ist er ein lästiger Störenfried. Korrupte Angehörige der Gemeindeverwaltung, so berichten mexikanische Medien, haben ihm sogar einmal gedroht, die Unterkunft niederzubrennen, sollte er sie nicht selbst schließen.

Politiker sollen Kopfgeld auf Solalinde ausgesetzt haben

Der Fall erregt deshalb große Aufmerksamkeit, weil sich Solalinde wie kein anderer mexikanischer Kirchenvertreter so offen gegen die Drogenmafia stellt, dass ihm jederzeit die Ermordung droht. Vor Wochen musste er auf Drängen von Menschenrechtsorganisationen und der Kirchenleitung das Land verlassen. Solalinde bezichtigte daraufhin mexikanische Politiker, mit der Drogenmafia zusammenzuarbeiten und ein Kopfgeld von umgerechnet 300.000 Euro auf ihn ausgesetzt zu haben. Nach der Rückkehr in seine Herberge gab er sich gewohnt kämpferisch: "Das Risiko ist groß, real und die Situation delikat. Aber ich habe keine Angst und werde niemals aufgeben."

Nun soll Solalinde gehen, heißt es zumindest in manchen Medien. Er wolle den Bischöfen gehorchen, zitieren die einen Blätter den Priester. Die anderen wollen ihn anders verstanden haben: Selbst wenn er exkommuniziert werde, denke er nicht daran, aufzuhören. Sogar die Kirche habe Angst und gehe mit der Forderung, Solalinde solle die Herberge verlassen, vor der Mafia in die Knie, schreiben einige Kommentatoren. Diesen Vorwurf weisen die Bischöfe vehement von sich. In einer Stellungnahme erklärte die Mexikanische Bischofskonferenz in dieser Woche, sie habe den Priester niemals aufgefordert, seine Herberge zu verlassen. Bis November ist Solalinde noch offiziell Leiter der Herberge, dann läuft eine Vereinbarung aus. Wie es danach weitergeht, weiß wohl noch nicht einmal er selbst.

Quelle: KNA, Autor: Tobias Käufer

Padre Alejandro Solalinde. Foto: Flickr/Lagunes