Chile |

Ein Jahr nach dem Erdbeben

Am 27. Februar 2010 erschütterte eines der stärksten Erdbeben, die jemals gemessen wurden, die Zentralregion Chiles. Mit einem Wert von 8,8 auf der Richterskala war es sogar im weit entfernten Brasilien zu spüren. Da das Epizentrum nahe der Küste war, löste es mehrere Tsunamiwellen aus. Sie richteten große Verwüstungen in den am stärksten betroffenen Provinzen Maule und Bío Bío an.

Dennoch stand die Katastrophe in Chile im Vergleich zu dem zwar schwächeren, doch weit folgenschwereren Erdbeben im Karibikstaat Haiti wesentlich kürzer im Fokus der breiten öffentlichkeit. 538 Tote lautete die im Vergleich zu Haiti glimpfliche Bilanz. Die Gebäude in Chile sind weit solider und somit erdbebenresistenter als die haitianischen Pendants, die bei dem Beben auf der Karibikinsel einfach zusammenbrachen und hunderttausende Menschen unter sich begruben.

Allerdings ist die Naturkatastrophe bei Weitem nicht spurlos an der chilenischen Architektur vorübergegangen. Das Erdbeben beschädigte oder zerstörte in den betroffenen Regionen mehr als die Hälfte der Wohnhäuser, Kirchen und öffentliche Gebäude. Brücken und Straßen wurden stark in Mitleidenschaft gezogen. Hilfe konnte somit nur schwer zu den Betroffenen gelangen.

Schnelle und strukturierte Hilfe

Doch die chilenische Regierung reagierte mit tatkräftiger Unterstützung internationaler Hilfsorganisationen schnell und strukturiert. Wie Manuel Quezada Melillan, der Direktor des chilenischen Roten Kreuzes, der Neuen Züricher Zeitung mitteilte, war die Trinkwasser- und Elektrizitätsversorgung an den meisten Orten innerhalb von zwei bis drei Wochen wieder funktionstüchtig. Straßen und Brücken waren innerhalb weniger Monate wieder passierbar, Schulen und Krankenhäuser wurden provisorisch in Containern untergebracht und Notunterkünfte errichtet für die über hunderttausend Menschen, die ihr Heim verloren hatten.

Abgelegene Regionen vom Staat vernachlässigt

Doch auch wenn die Hilfsmaßnahmen zügig und effektiv in Gang gesetzt wurden, waren sie nicht ohne Mängel. Kritiker monierten, dass beispielsweise abgelegene Regionen bei der Versorgung vernachlässigt wurden und diese sich deshalb auf die kirchliche Hilfe - Caritas oder Diözesen - stützen mussten. Sie prangerten auch die bürokratischen Hürden bei der Beantragung längerfristiger Hilfen und dem Einsatz unerfahrener Beamter in Schlüsselpositionen an.

Dem Wiederaufbau der Infrastruktur, so ein weiterer Kritikpunkt, sei den Bedürfnissen von obdachlos gewordenen Menschen Vorrang gegen worden: Viele Menschen, die ihr Heim verloren haben, lebten nach wie vor in Notunterkünften - barackenartigen Holzhäuschen. Viele fühlten sich von der Regierung vernachlässigt.

Häuser in Planung

Doch das soll sich laut Sergio Baeriswyl, dem Koordinator für den Wiederaufbau in Bío Bío, ändern. Die Regierung plane, landesweit 60.000 Häuser für die Erdbebenopfer zu bauen. Die Mittel hierfür stünden auch schon bereit. Dennoch bittet Baeriswyl um Geduld: es helfe nicht, Dinge zu überstürzen und dieselben Fehler wie zuvor beim Bau zu wiederholen.

In manchen tsunamigefährdeten Orten müsse eine Risikoanalyse vorgenommen werden, um herauszuinden, ob sich der Wiederaufbau überhaupt lohne.

Untersucht werde etwa, ob es sinnvoll sei, eine massive Schutzmauer mit einem angrenzenden 40 Meter breiten, mit Bäumen bepflanzten Streifen zu bauen. Diese solle die Wucht eines Tsunami in Zukunft abdämpfen und somit die Schäden minimieren. Bis Anfang 2013 will die Regierung 80 Prozent der versprochenen Häuser fertiggestellt haben.

Autorin: Verena Klein