Argentinien |

Ehemalige Diktatoren wegen Babyraub vor Gericht

Unzählige Stunden hat das Plädoyer gedauert. Über fünf Tage hinweg lasen die Staatsanwälte die Verbrechen vor, die während der letzten argentinischen Diktatur begangen wurden. Begangen von den alten Herren, die heute im Gerichtssaal in der argentinischen Hauptstadt brav nebeneinandersitzen. Sie wirken harmlos, einige von ihnen auch gebrechlich. Nicht zuletzt deshalb betont Staatsanwalt Martin Niklison vor den Richtern: "Das sind keine armen Greise, diese Menschen durften straffrei alt werden." Der elegant gekleidete 86-jährige Ex-Diktator Jorge Videla hört sich fast regungslos an, wofür man ihn anklagt. Mit Stirnrunzeln reagiert er auf das Strafmaß, das die Staatsanwaltschaft fordert: 50 Jahre Haft.

Insgesamt stehen in Buenos Aires zehn Männer und eine Frau im "Babyraub-Prozess" unter Anklage. Darunter gleich zwei ehemalige Chefs der Militärjunta: Videla und Reynaldo Bignone. Neben weiteren sieben Armeeangehörigen müssen sich ein Arzt, der die schwangeren Frauen entbunden, und die Ex-Gattin eines Militärs, die ein geraubtes Kind aufgezogen hat, vor Gericht verantworten. Den Angeklagten wird in 35 Fällen vorgeworfen, politischen Gefangenen ihre Neugeborenen geraubt zu haben.

Von 1976 bis 1983 herrschte in Argentinien eine brutale Militärdiktatur. Oft in Nacht- und Nebelaktionen wurden zahlreiche mutmaßliche Regimegegner - unter ihnen Studenten, Gewerkschafter, Künstler und Lehrer - verschleppt, in Geheimgefängnisse gesteckt und gefoltert. Viele von ihnen wurden getötet, ihre Leichen ließ man verschwinden. Menschenrechtsorganisationen sprechen von mehr als 30.000 Ermordeten. Erst seit 2006 werden gegen die Folterer und Mörder der Diktatur wieder Prozesse geführt - nachdem das Oberste Gericht Argentiniens im Jahr 2005 die Amnestiegesetze aufgehoben hatte.

Verschleppte schwangere Frauen erhielten in den Geheimgefängnissen etwas Schonung. Man ersparte ihnen allzu harte Folter und verpflegte sie vergleichsweise gut. Nach der Geburt durften die inhaftierten Mütter ihre Kinder einige Tage bei sich behalten und stillen. Dann nahmen ihnen die Militärs die Babys weg. Fast alle Frauen wurden daraufhin umgebracht. Die entrissenen Neugeborenen wurden in der Regel an Familien von Militärangehörigen übergeben. Dort wuchsen sie unter falscher Identität auf. Die Menschenrechtsorganisation "Großmütter der Plaza de Mayo" geht davon aus, dass sich die Militärs auf diese Weise rund 500 Kinder angeeigneten.

Selbst die Staatsanwälte sind im Gerichtssaal manchmal den Tränen nahe. Videla hingegen nickt hin und wieder ein. Dann legt er den Kopf auf die Schulter seines Sitznachbarn Bignone. Wenn den hochgewachsenen 84-jährigen Bignone ebenfalls die Müdigkeit überkommt, lehnt er sich seinerseits an den Kopf von Videla. Und so dösen sie zeitweise gemeinsam dahin - während von Entführung, Folter und Mord berichtet wird.

Die Initiative der Mütter der Plaza de Mayo wurde Ende 1977 von Frauen gegründet, die zuerst nach ihren eigenen entführten Kindern zu suchen begannen, später auch nach ihren Enkeln. Bis heute versuchen sie, diese mit Hilfe einer DNA-Datenbank ausfindig zu machen. Bislang konnten 105 Enkelkinder - "nietos" - gefunden und mit ihren biologischen Familien zusammengeführt werden. Im März 2011 wurden die Organisation für ihr Engagement von der UNESCO mit einem Friedenspreis ausgezeichnet.

Es ist ein überschaubarer Gerichtssaal: Die Zuhörer sitzen nur wenige Meter von den Angeklagten entfernt, getrennt durch eine Glasscheibe. Manchmal blickt Videla zum Publikum. Am letzten Tag des Plädoyers erscheinen mehrere Großmütter der Plaza de Mayo sowie einige der Enkelkinder. Neben dem General sollen auch vier weitere Militärs 50 Jahren Haft erhalten. Für die übrigen Angeklagten fordern die Staatsanwälte Gefängnisstrafen zwischen 14 und 30 Jahren. Sie sehen es als erwiesen an, dass ein systematischer Plan zur illegalen Aneignung von Kindern bestand. Mitte Juni werden die Richter das Urteil sprechen.

Quelle: Camilla Landbö, KNA

Madres de la plaza de mayo. Foto: Matzel/Adveniat