Haiti |

Diskutieren über Zeltplanen und Essensausgabe

Puebla. Die größten Trümmer sind beseitigt, die Leichen beerdigt. Ab Freitag wird es wieder normale Linienflüge nach Port-au-Prince geben, tausende von US-Soldaten sind bereits wieder in die Heimat zurückgekehrt und haben den haitianischen Behörden die Verwaltung des Karibikstaates zurück übertragen. Aber auch einen Monat nach dem verheerenden Beben gleicht die haitianische Metropole einer auf Ruinen errichteten Zeltstadt, in der Improvisation und der tägliche Kampf ums Überleben den Rhythmus bestimmen. Hunderte Nicht-Regierungs-Organisationen aus der ganzen Welt verteilen Hilfsgüter an die Obdachlosen und betreuen einen Teil der über 400.000 Verletzten. Inzwischen ist die Ausgabe von Essen und Medikamenten besser organisiert; die Helfer sind auch in weiter entfernte Gegenden vorgedrungen. Weil auch der Staat größtenteils zusammengebrochen ist und die Nahrung schon vor dem Beben knapp war, wird auf Haiti die Notversorgung durch ausländische Hilfsorganisationen länger dauern als üblich bei Naturkatastrophen – das Welternährungsprogramm spricht von „mindestens bis Ende des Jahres“. Zwei Millionen Menschen sind dem WFP zufolge von der Hilfe abhängig.

Sorge macht den Experten der sanitäre Notstand. „Jeden Tag empfangen wir noch rund 600 Verletzte“, sagt Alex Lassegue, Direktor der Universitätsklinik. „Aber es sind schon viel weniger als vor einem Monat, und die meisten überleben.“ Lassegue muss viel amputieren, Wundbrand und schlechte Erstversorgung machen radikale Schnitte nötig. Die Regierung hat derweil eine Impfkampagne gestartet in einem Wettlauf mit dem Klima, denn die Regenzeit, die in wenigen Wochen beginnt, hat sich schon mit vereinzelten Niederschlägen angekündigt. Die Feuchtigkeit wird die prekäre Hygiene in den Zeltlagern weiter verschlechtern, fürchten die Ärzte.

Die ohnehin schon schwache Wirtschaft Haitis ist seit dem Beben nahezu gelähmt. Fabriken und Geschäfte sind eingestürzt, zehntausende haben ihre Arbeit verloren. Einige recyclen Stahl aus den Trümmern. Das Anstehen um Hilfsgüter, vor Camping-Duschen oder Krankenzentren ist eine neue Routine für die über eine Million Obdachlosen, die nicht viel mehr retten konnten als ihre eigene Haut. Informationen über die nächste Essensausgabe und Diskussionen über das Leben unter Plastikplanen haben Eingang gefunden in den Alltag. „Diese Planen sind unpraktisch, wenn es regnet, kommt Wasser durch und verwandelt den Boden in Schlamm. Zelte wären besser“, klagt Marie-Mona Destiron, während ihr Mann versucht, die Plane für die achtköpfige Familie an einem mickrigen Bäumchen nahe des Country Clubs festzumachen.

Zelte wird es aber nicht geben, hat die haitianische Regierung beschlossen. Sie seien zu teuer und nähmen zu viel Platz weg, daher müssten die Planen ausreichen, bis zur Fertigstellung der Wellblech-Notunterkünfte, in der die Obdachlosen dann bis zu drei Jahre ausharren sollen, so lange die Stadt wiederaufgebaut wird. „Diese viele Umzieherei wird nicht ohne Probleme von statten gehen“, fürchtet der UN-Gesandte für Humanitäre Fragen, John Holmes. Doch daran denkt Destiron jetzt noch gar nicht. Sie ist erst einmal glücklich, ein Plätzchen in der Nähe des Clubs gefunden zu haben, wo regelmäßig Hilfsgüter ausgeteilt werden. Dass ihr Zeltplatz erdrutschgefährdet ist, ficht Destiron nicht an.

Die Kinder gehen schon wieder zur Schule, wenn auch meistens improvisiert auf Plastikstühlen unter Zeltplanen. Doch für die Erwachsenen gibt es weniger Ablenkung, sind die schrecklichen Erinnerungen an diesen 12. Januar noch immer präsent. Viele gehen zu Gottesdiensten, die unter freiem Himmel stattfinden – entweder, weil die Kirchen zerstört sind oder weil die Menschen noch immer fürchten, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Zehntausende kamen zu den Messen, die am Ende der einmonatigen Staatstrauer gelesen wurden. Gebete und Blumen sollten wieder neuen Mut geben. „Haiti wird besser werden, wir werden auferstehen aus Ruinen“, sangen hoffnungsfrohe Menschen wie zum Trotz vor dem halb zerstörten Präsidentenpalast.

Autorin: Sandra Weiss