Kolumbien |

Die vergessene Katastrophe

Unaufhörlich prasselt seit Monaten der Regen, fast stündlich verkünden die Radio- und Fernsehsender neue Hiobsbotschaften: Kolumbien erlebt die schlimmste Naturkatastrophe seiner Geschichte. Mehr als drei Millionen Menschen sind bereits betroffen, Hunderte verloren bislang ihr Leben und ein Ende der Leidenszeit scheint nicht in Sicht.

Ein „Hurrikan“, der kam und blieb

Der achtjährige Johan und die zwei Jahre ältere Nancy sind die vorerst jüngsten Opfer der Tragödie. In Hacarí versuchten die beiden Kinder den zum reißenden Fluss mutierten Rio Tarra zu überqueren, seitdem fehlt jede Spur von ihnen. Ihre Eltern hatten zuvor ihr Haus verlassen müssen, weil die ansteigenden Fluten ihr Hab und Gut bereits weggespült hatten. Es ist nur eine von hunderten Schreckensnachrichten, die die kolumbianischen Medien fast täglich zu verkünden haben.

Kolumbiens Staatspräsident Juan Manuel Santos richtete während des Osterwochenendes einen verzweifelten Appell an Gott, dass der unaufhörliche Regen endlich enden möge: "Wir beten zu Gott, dass er uns hilft, diesen Winter und diese Tragödie zu überstehen." Wenig später richtete sich Santos mit einer TV-Ansprache direkt an das Volk: "Das ist ohne Zweifel die schlimmste Naturtragödie unserer Geschichte. Es ist, als ob unser Gebiet von einem Hurrikan getroffen wurde, der vergangenes Jahr kam und nicht mehr weggehen will."

Bisher 98.000 Verletzte

Die Katastrophe setzt sich Woche für Woche fort: Bereits 2010 waren mehr als 300 Menschen durch die unzähligen Überschwemmungen und Erdrutsche ums Leben gekommen. Insgesamt wurden nach Behördenangaben 98.000 Menschen durch die Folgen der Regenfälle verletzt. Landesweit, so rechnet Santos vor, leiden derzeit drei Millionen Menschen unter den Folgen der Katastrophe. Vor allem die katholische Kirche versucht in den Notgebieten zu helfen, doch die Ausmaße der Katastrophe sind einfach zu groß. Dörfer und Städte in der Nähe von Flüssen sind besonders gefährdet, auch in den Millionenmetropolen Bogotá, Medellín und Cali sind ganze Viertel überschwemmt.

Das Dauer-Unwetter macht nach Erkenntnissen der Behörden vor keinen Grenzen halt: Insgesamt sind 28 der 32 Verwaltungsbezirke des südamerikanischen Landes betroffen. Vor allem die Verkehrsinfrastruktur des Landes hat arg gelitten. Täglich veröffentlichen die großen Tageszeitungen Straßenzustandsberichte, um die Bevölkerung darüber aufzuklären, welche nationalen Hauptstraßen überhaupt noch befahrbar sind. Mehr als 16 Hauptstraßen wurden bereits zeitweise oder komplett gesperrt.

Wetterexperten geben noch keine Entwarnung

Kolumbien versucht mit enormen Anstrengungen der Situation Herr zu werden. Nach offiziellen Angaben sind in den Hochwassergebieten rund 160.000 Polizisten im Rettungseinsatz. Sie sollen vornehmlich von Wassermassen eingeschlossene Menschen retten und erste Sofortmaßnahmen einleiten, mehr ist wegen der Größe der Katastrophe nicht möglich.

Für den Dauerregen ist laut Expertenmeinung das derzeit besonders ausgeprägte Klimaphänomen "La Niña" verantwortlich, bei dem im Pazifik auf Höhe des Äquators ungewöhnlich niedrige Temperaturen herrschen. Die Weltwetterorganisation (WMO) in Genf prognostizierte, dass das Phänomen voraussichtlich noch bis in den Mai anhalten werde. So lange wird es weiter regnen in Kolumbien. Jeden Tag.

Autor: Tobias Käufer, Bogotá