Mexiko, Guatemala |

Die vergessene Grenze

14. April 2011: “Wir waren etwa 40 Personen, die an einem Donnerstag in Los Pocitos auf den Zug kletterten. (...) Einer aus unserer Gruppe machte neun Personen aus, die keine Migranten waren. Da bekamen wir Angst. In Apasco stand einer dieser Männer auf und telefonierte. Wir hörten ihn nur sagen: „Ich bin schon auf dem Zug“. Da war es sieben Uhr abends, wir versuchten zu schlafen.

„Springt runter, vorn ist die Wache!“

Nachdem wir an der Station Chontalpa vorbeigefahren waren, wurde der Zug in einer Kurve immer langsamer. Jemand rief: „Springt runter, dort vorn ist die Wache!“, das war im Morgengrauen. Wir sprangen ab, der Zug hielt aber nicht an. Als der Zug nicht mehr zu sehen war, haben uns diese Personen gezwungen, 200 Meter bis zu einer Orangenplantage zu gehen. Dort sagten sie uns, sie wären Schleuser. Wir sollten uns keine Sorgen machen, für 2.500 US-Dollar brächten sie uns in die USA. Wir erklärten, dass wir kein Geld hätten. Daraufhin meinten sie, sie könnten uns eine Arbeit besorgen, bei der wir 1.500 US-Dollar pro Woche verdienen würden, in einem Ort nahe der Grenze.

Sie waren bewaffnet und ließen uns nicht gehen. Am Samstag [dem 16. April, was bedeutet, die Migranten waren bereits zwei Tage in der Gewalt der Entführer] um fünf Uhr morgens verfrachteten sie uns in einen LKW. Wir waren 40 Migranten. Die Fahrt dauerte etwa fünf Stunden. Sie sagten, wir wären in Tampico angekommen. Einer von uns hatte ein Taschenmesser bei sich. Damit schnitten wir oben ein Loch in die Plane. Ich kletterte hinaus, öffnete von außen die Tür und sagte zu den anderen: „Wer will kann fliehen". Ich rannte bis zu einem Fluss. Nach einer Woche entschied ich mich, nach Hause zurückzukehren. Mit anderen zusammen nahm ich wieder den Zug, bis ich in Tenosique ankam".

Prostitutionsring innerhalb der Einwanderungsbehörde

Dies ist nur eine der Zeugenaussagen, die von der Migrantenherberge „La 72“ in Tenosique dokumentiert wurden. Nachzulesen ist sie in dem Bericht "La frontera olvidada (Die vergessene Grenze), den zehn Menschenrechtsorganisationen am 22. November der öffentlichkeit präsentierten. Die Vertreter der Organisationen waren in „einer Beobachtermission der Zivilgesellschaft“ vom 19. bis 21. Oktober auch vor Ort, um die Situation von Migranten und Menschenrechtsverteidigern zu dokumentieren. Sie sprachen mit Polizisten der Bundespolizei, Armee-Vertretern, Mitarbeitern der Migrationsbehörde INM, mit Migranten und Menschenrechtsverteidigern.

Die Stadt Tenosique liegt im südlichen Bundesstaat Tabasco, an der Route, die zentralamerikanische Migranten auf dem Weg in die USA nehmen. Die Grenze zu Guatemala ist nicht weit. Viele wollen hier auf den Zug gen Norden. Während andere Bundesstaaten wegen Verbrechen gegen Migranten immer wieder in die Schlagzeilen geraten, spielen sich die Dramen in Tabasco im Stillen ab: Die Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde verfolgen Migranten und nehmen dabei in Kauf, dass letztere zu Tode kommen, Armee und Polizei bedrohen Menschenrechtsverteidiger und Migranten, Vertriebene aus Guatemala erhalten keine staatliche Hilfe.

Schutzmaßnahmen, die das Nationale Menschenrechtskomitee für die Migrantenherberge La 72 und das Menschenrechtszentrum CDHU angeordnet hatte, werden nicht umgesetzt, Strafanzeigen der Menschenrechtsorganisationen werden nicht bearbeitet, so der Bericht. Zwar sei beispielsweise eine führende Person in der Migrationsbehörde nicht mehr im Dienst und angeklagt, weil sie einen Prostitutionsring innerhalb der INM geführt habe - Funktionäre hatten den Migranten versprochen, gegen sexuelle Dienste deren „Probleme zu lösen“. Doch andere Mitarbeiter seien nicht angeklagt bzw. weitere Beamte untersucht worden, beklagt der Bericht.

Vergessen und unsichtbar

„Wir haben uns vor Ort begeben, um die Situation vor Ort in Tenosique zu dokumentieren", denn „obwohl in dieser Region mit die meisten Migranten in unser Land gelangen, ist die Lage dort nicht dokumentiert, unsichtbar", so ein Vertreter der Menschenrechtsorganisationen bei der Pressekonferenz. Durchschnittlich suchen jeden Tag 70 Personen die Migrantenherberge La 72 auf, die ebenso wie das Menschenrechtszentrum CDHU von Franziskanern geführt wird. Sie erhalten dort Essen, Kleidung, können mit Angehörigen telefonieren.

Den Organisationen sei es auch darum gegangen, auf die ungeklärte und inhumane Situation der rund 300 Guatemalteken hinzuweisen, die vor rund 90 Tagen gewaltsam von den guatemaltekischen Behörden aus ihrem Dorf "La Esperanza" im Peten vertrieben worden waren und nach Mexiko flüchteten. Sie hausen seither unter menschenunwürdigen Bedingungen im Grenzstreifen, so der Bericht. Die Bewohner waren unter dem Vorwand vertrieben worden, dass sie im Naturschutzgebiet „Reserva del Lacandón“ siedeln würden. Die Beobachtermission hatte sich auch nach Guatemala begeben. Sie bestätigt nun nach Gesprächen mit Vertretern der guatemaltekischen Polizei die Version der Vertriebenen: ihre Häuser wurden niedergebrannt, die Einwohner erhielten weder ein Umsiedlungsangebot noch eine rechtzeitige Benachrichtigung. Zudem verweist der Bericht darauf, dass die Vertreibung wahrscheinlich gänzlich illegal gewesen sei, da das Dorf schon vor Inkrafttreten des Naturschutzgesetzes existiert habe.

Massaker wie in Tamaulipas möglich

So fordern die Organisationen unter anderem von der guatemaltekischen Regierung eine menschenwürdige Lösung für die Flüchtlinge aus Nueva Esperanza und ein Ende von deren Kriminalisierung als angebliche Mitglieder von Drogenbanden. Die mexikanische Regierung müsse für die Einhaltung der Menschenrechte von Migranten und Menschenrechtsverteidigern sorgen, die Straffreiheit ein Ende haben und die Komplizenschaft zwischen kriminellen Banden und Mitarbeitern der INM, der Polizei und der Armee müsse rigoros strafrechtlich verfolgt werden.

Der Leiter der Herberge La 72, Pater Tomás González, warnte eindrücklich vor weiterer Tatenlosigkeit, als er auf der Pressekonferenz erklärte, es „sind die Bedingungen für ein Massaker an Migranten gegeben, ähnlich wie dem Tamaulipas, denn es werden systematisch Menschenrechte verletzt“.

Autorin: Bettina Hoyer

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