Kolumbien |

Die Matriarchin im Kampf gegen Landraub

´So Gott will werden wir ankommen´, ist auf dem alten aber robusten Fahrzeug zu lesen, das durch das Bananenanbaugebiet Urabá im Nordwesten Kolumbiens schaukelt. Ziel ist das Ufer des Curbaradó.

Dort wollen sich die Mitarbeiter von ´Justice for Colombia´ ein Bild über die politische und humanitäre Lage machen und Übergriffe auf die lokale Bevölkerung dokumentieren. Die von der britischen Gewerkschaftsbewegung gegründete Vereinigung hat sie nach Kolumbien entsandt. Hier sollen sie landesweit die Morde an Gewerkschaftsaktivisten festhalten und die Lebenssituation in den entlegenen Gemeinden evaluieren.

Der Curbaradó durchschneidet den Urwald des Departements Chocó, der einst zu den artenreichsten Regionen der Welt gehörte. Mit ´einst´ ist die Zeit vor der Ankunft des Bürgerkriegs in die Region gemeint, der Kolumbien bereits seit fünf Jahrzehnten im Griff hat. In dem bewaffneten Konflikt stehen sich Rebellen und Regierungstruppen gegenüber, die seit den 1980er Jahren von den berüchtigten ultrarechten Paramilitärs unterstützt werden.

Seit dem Krieg ist alles anders

1995 kam es in dem Gebiet zu den ersten Morden, ein Jahr später führten die Paramilitärs ihre erste größere Offensive durch. "Alles hat sich seither verändert, nichts ist wie es war", meint dazu María Chaverra und zeigt auf die nahe gelegenen ölpalmen. "Der Wald wurde zerstört, Flüsse verseucht und umgeleitet, Bäche trockengelegt."

Chaverra ist die ´Matriarchin´ des Gebiets zwischen den Flüssen Curbaradó und Jiguamiandó, So werden die Führungspersönlichkeiten in der Region genannt. Die 69-Jährige, Mutter von acht Kindern und Großmutter von 37 Enkeln, lebt hier schon ein halbes Jahrhundert. Vom Cubaradó sind es nur fünf Minuten Fußmarsch zur ´Humanitären Zone Camelias´. Das Areal, das unter dem besonderen Schutz des Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshofs (CoIDH) steht, dient derzeit 30 Familien als Rückzugsgebiet, die von den Paramilitärs von ihrem Land vertrieben wurden. Hier sind die Kriegsparteien unerwünscht.

Einige Familien haben sich ein Herz gefasst und das Schutzgebiet verlassen, um wieder auf ihre Fincas zurückzukehren. Sie machten anderen Platz, die sich nach Morddrohungen in der ´Zone´ in Sicherheit brachten. Das Schutzgebiet ist Teil des rechtlich anerkannten Gemeindelandes der lokalen schwarzen Bevölkerung.

Humanitäre Zone – Den Kriegsparteien ist der Zutritt verboten

Camelias ist 3,5 Hektar groß und war ursprünglich von Chaverras und ihrem Mann bewirtschaftet worden. "Wir haben es für die humanitäre Zone zur Verfügung gestellt", sagt Matriarchin. "Damit wir, die vertriebenen Familien, einen gemeinsam Platz haben, um uns zu versammeln und für unsere Rechte zu kämpfen."

Mit Hilfe der Interkirchlichen Kommission für Gerechtigkeit und Frieden erlangten die Familien die nötige nationale und internationale Unterstützung, um die Humanitäre Zone einzurichten. In nächster Nachbarschaft des mit Stacheldraht umzäunten Gebietes liegt Puerto Brisas, ein kleines von den Paramilitärs kontrolliertes Dorf.

Wie Chaverras weiter erläutert, "leben wir inmitten eines Konfliktes, ohne etwas mit den Konfliktparteien zu tun zu haben: weder mit den Paramilitärs, noch mit der Armee oder der Guerilla". ´Ein Ort, der ausschließlich für Zivilisten bestimmt ist und unter dem Schutz des CorteIDH steht´, heißt es auf übergroßen Hinweisschildern, die an den äußeren Grenzen des Territoriums aufgestellt wurden.

Die Paramilitärs rechtfertigen ihre Präsenz in Chacó und anderen Teilen Kolumbiens damit, die Guerilla zu bekämpfen, die sich 1964 erhoben hat. Tatsächlich jedoch haben sie sich gewaltsam der Territorien der Subsistenzbauern bemächtigt, die seit Generationen das Gebiet bewirtschaften. Bis 1997 gelang es ihnen, fast alle Menschen zwischen Curbaradó und Jiguamiandó zu vertreiben. Hilfsorganisationen schätzen die Zahl aller in Kolumbien seit den 1980er Jahren durch den Bürgerkrieg Vertriebenen auf 3,6 Millionen bis fünf Millionen.

"Es ging nie um den Kampf gegen die Guerilla"

"Uns hat der kolumbianische Staat um unser Land gebracht, denn die Übergriffe der Paramilitärs erfolgten im Einverständnis mit der 17. Brigade der Armee", berichtet Chaverra, die Beschwerde beim CorteIDH eingereicht hat. "Ich kann bezeugen, dass es ihnen nie um den Kampf gegen die Guerilla ging. Wir Bauern sind die Leidtragenden. Diejenigen von uns, die nicht an den Folgen der Gewalt gestorben sind, fielen der staatlichen Vernachlässigung zum Opfer."

Viele Familien hätten ihre Kinder verloren, schwangere Frauen seien qualvoll verendet, weil ihnen niemand geholfen habe, oder hätten ihren Nachwuchs auf der Straße geboren. "Das alles verdanken wir diesem Krieg", so Chaverra. Sie gehörte einem Treck aus sieben Familien an, die sich der Gewalt der Paramilitärs nicht beugen wollten. Immer wenn Schüsse fielen, zogen sie weiter, ohne die Region zu verlassen.

Kollektive Besitzrechte endlich anerkannt

Sechs Monate versteckten sie sich in den Bergen. Eine qualvolle Zeit, wie sich die Matriarchin erinnert. Die Familien lebten in den höhlenähnlichen Formationen, entstanden aus dem Wurzelwerk der großen Bäume. Oft mussten sie Reis stehlen, um zu überleben. "Als wir zurückkehrten, war jeder Fitzel Land mit ölpalmen bepflanzt", sagt Chaverra. Der Einsatz von Agrarchemikalien habe die Erde verseucht.

Die Minister für Landwirtschaft und Inneres, Juan Camilo Restrepo und Germán Vargas, hatten Camelias im März besucht. Anlass war die offizielle Anerkennung der Kollektivbesitzrechte über das Gebiet zwischen den beiden Flüssen. Damit kam die Regierung mehreren Urteilen des Verfassungsgerichts nach. Das Tribunal ordnete ebenfalls an, die illegalen Landbesetzer aus dem Gebiet zu entfernen – eine Auflage, auf die die beiden Minister bei ihrem Besuch in der Region nicht eingingen.

Die Regierung des konservativen Präsidenten Juan Manuel Santos hat versprochen, in seiner Amtszeit von 2010 bis 2014 zwei Millionen Hektar Land an die zwangsvertriebenen Bauern zurückzugeben und ihnen Landtitel auszustellen. Viele Familien bewirtschaften das Land seit Generationen, ohne dass sie je Landtitel besessen hätten.

Schleppende Landrückgabe

Für 2011 ist die Rückgabe von 500.000 Hektar vorgesehen. Doch den offiziellen Angaben zufolge wurden bisher nur 14.000 Hektar der vergebenen 217.000 Hektar Land den zwangsenteigneten Kleinbauern überschrieben.

Nach einer Invasion illegaler und gewaltbereiter Siedler hat die kolumbianische Justiz nun die Durchführung einer Volkszählung angeordnet. Dieser Zensus, bei dem gerade die Alten wie Chaverra eine wichtige Rolle spielen werden, soll die traditionellen Bewohner ermitteln und die Invasoren identifizieren, die das Gebiet wieder verlassen sollen.

Autorin: Constanza Viera (IPS)