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"Die Indigenen werden in der Stadt häufig unsichtbar"

In Mexiko sind rund 10 Prozent der Bevölkerung indigener Abstammung - 11 Millionen Menschen, mehr als 60 Völker mit ihren unterschiedlichen Sprachen, Weltsichten und Kulturen. Und trotzdem seien sie gerade in den großen Städten Mexikos unsichtbar geworden, berichtet Adveniat-Mexiko-Referentin Magdalena Holztrattner im Interview.

Frau Holztrattner, woran liegt es, dass die eigentlich naturverbundenen Indígenas immer mehr Zuflucht in den Großstädten suchen?

Das liegt daran, dass die Einkommen, die sie mit ihren landwirtschaftlichen Tätigkeiten erwirtschaften, oft nicht mehr ausreichen, um zu überleben. Vor allem aber kommen in die Hütten der Indigenas in den ländlichen Gebieten auch immer mehr Bilder von Konsumgütern über die Massenmedien, die auch sie gerne haben wollen, sich aber nicht leisten können. Daher immigrieren viele vom Land in die Stadt und das bringt Probleme mit sich: Für gute Jobs fehlt ihnen die Ausbildung, die auf dem Land nicht geboten wird. Daher landen sie häufig wieder im informellen Sektor, arbeiten als Tagelöhner, werden ausgebeutet und bleiben in den Elendsvierteln rund um die Megacities in Mexiko hängen. Das führt dazu, dass sie sich von dem Wichtigsten, was ihre Kultur anbelangt, entfernen, nämlich von ihrer Gemeinschaft und der Natur. Sie müssen sich anpassen, um im städtischen Umfeld zu überleben und das nicht nur finanziell im Sinne von, „wie kriege ich das tägliche Brot, die tägliche Tortilla für morgen?“, sondern auch im kulturellen Sinne: Wer bin ich? Wo gibt es andere Menschen aus meiner Kultur, mit denen ich meine Sprache sprechen kann? Wie gehe ich um mit meinen Kleidungsgewohnheiten, Feiergewohnheiten, Lebensgewohnheiten in einem Umfeld, in dem die Mehrheit der Menschen all das nicht lebt?

Inwiefern spielt für dieses Gefühl der Verlorenheit in einer anderen Kultur auch die Diskriminierung der Indígenas eine Rolle?

Die Diskriminierung der Indígenas in Mexiko beginnt schon mit der Sprache. Es gibt in der Hinsicht viele Sprichwörter, wie „No seas Indio“, „Sei kein Dummkopf“. Das heißt „Indígena“ wird häufig mit „Dummkopf“ gleichgesetzt. Hinzu kommt, dass sie in den Städten meist nicht sichtbar sind. Optisch nicht sichtbar, weil der Druck sich zu assimilieren auf die Bevölkerung indigener Herkunft sehr stark ist. Sie sollen nicht in ihrer traditionellen Kleidung auftauchen, sondern sich westlich kleiden. Sie sollen sich optisch und sprachlich an die Dominanzgesellschaft in den Städten anpassen. Und dann gibt es diese Schizophrenie: Mexiko ist offiziell sehr stolz auf seine indigene Bevölkerung, es gibt Museen und es gibt die Verehrung des „edlen Wilden“. Aber die heute noch lebende und ihre Kultur und Sprache tradierende indigene Bevölkerung Mexikos wird nicht als edel angesehen und wertgeschätzt – sie wird stark diskriminiert. Der böse Satz „Nur ein toter Indianer, ist ein guter Indianer“ – den könnte man ein bisschen sarkastisch auch auf das Mexiko der heutigen Tage übersetzen. Leider.

Wie stand denn der noch amtierende Präsident, Filipe Calderón, zu den Indígenas und was ist von dem neu gewählten Präsidenten Enrique Pena Nieto, zu erwarten?

Unter dem derzeit noch amtierende Präsidenten, Filipe Calderón, hat sich meines Wissens für die indigene Bevölkerung nicht viel zum Positiven hin verändert. Zum Nachteil allerdings schon, weil für Konzerne viele Lizenzen freigegeben wurden zur Ausbeutung der natürlichen Lebensgrundlagen der Indígenas. Wenn zum Beispiel Nutzungsrechte für große Wälder freigegeben werden, dann ist das immer auch ein indirekter Angriff gegen die Indígenas. Sie brauchen diese Lebensgrundlagen, denn ihre Kultur ist eine landwirtschaftlich Geprägte. Der neu gewählte Präsident Enrique Nieto hat zwar einige Wahlversprechen gemacht, meines Wissens aber keine für die Verbesserung der Situation der Indígenas. Von daher wird sich von politischer Seite ohne Druck durch die mexikanische Zivilgesellschaft, die Kirche oder von anderen Ländern wenig verbessern.

Was tut Adveniat, um die Lebenssituation der Indígenas in Mexiko zu verbessern?

Die Projekte von Adveniat, die als Zielgruppe die indigene Bevölkerung haben, haben meist drei zentrale Achsen. Das eine ist die Bewusstseinsbildung. Einerseits der Indigenas selbst, weil sie durch den gesellschaftlichen Druck gelernt haben das Eigene abzuwerten. Es ist daher wichtig, dass sie die eigene Sprache, die eigene Kultur, die eigene Weltsicht wieder als richtig und wichtig ansehen. Aber es ist auch Bewusstseinsbildung bezüglich der Allgemeingesellschaft notwendig. Es gibt zum Beispiel Plakataktionen, da heißt es: „In der Stadt Mexiko gibt es 500.000 Indígenas. Wie viele hast du heute schon gesehen?“ Damit soll der Blick der Stadtbevölkerung geschärft werden für indigene Elemente in der Gesellschaft. Eine zweite Zentralachse ist, das Wissen und die Kulturen der indigenen Völker zu erhalten, beides aktiv wertzuschätzen und weiterzugeben. Eine dritte Achse ist die Stärkung von organisatorischen Prozessen. Einerseits, damit Indigenas genauer um ihre Rechte wissen, als Gemeinschaften diese Rechte einklagen können und vom Staat als gleichwertige Bürger anerkannt werden. Aber auch, um im wirtschaftlichen und sozialen Sinn als Gemeinschaften aktiv zu werden. Der Gemeinschaftssinn ist ein zentrales Element aller indigenen Völker Amerikas und dieser große Schatz, den wir leider in unseren modernen Gesellschaften ein bisschen verlieren, sollte gefördert und genährt werden. Bei der pastoralen Arbeit ist uns wichtig, dass sie mit und von den Indígenas her entwickelt wird. Kirche und Theologie in den indigenen Gemeinschaften sollen von Elementen ihrer eigenen Kultur bereichert werden.

Was würden Sie abschließend am Tag der Indigenen Völker als Forderung für die Wertschätzung der Indígenas in Mexiko mit auf den Weg geben?

Ich denke, das Wichtigste kann man an einer Forderung festmachen, die wir von Armen kennen: „Vergesst nicht, dass wir Menschen sind!“ Das können wir auch auf die Indígenas übertragen: Wir dürfen sie nicht als lebendige Museumsstücke wahrnehmen, sondern als Brüder und Schwestern, die Menschen sind wie wir, die ihre Rechte haben, ihre Kulturen und von denen wir viel lernen können. Von uns, von Europa aus gedacht, sollten wir auch ein bisschen Abstand nehmen von der eurozentristischen Sicht der Welt oder, in Mexiko, von der Dominanzkultur. Vielmehr sollten wie in der Vielfalt der Kulturen einen Reichtum und eine Bereicherung sehen und suchen. Ganz konkret müsste sich aber etwas bei den Rechten der Indígenas verbessern. Das meine ich als deutliche Forderung an den politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen Willen der je Zuständigen in Mexiko und hier in Europa. In Mexiko konkret müsste viel mehr für den Schutz der Lebensräume der Indígenas getan werden. Und zwar – das sage ich ein bisschen zynisch – für den „Schutz vor Coca Cola und Bayer“, also den Schutz vor transnationalen Konzernen, die mit Erlaubnis der lokalen Politiker Lebensgrundlagen der indigenen Bevölkerung ausbeuten dürfen.

Autorin: Mareille Landau