Haiti |

Die eigene Zukunft selbst bestimmen

Das Erdbeben am 12. Januar in Haiti war stark und das Land schwach. Für die außergewöhnlich schlimmen Folgen und die mehr als 170.000 Toten gibt es viele Gründe. Margit Wichelmann, Haiti-Referentin bei dem Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat, erklärt, warum in Port-au-Prince die Ausmaße der Schäden so groß waren und welche Konsequenzen das Erdbeben hat.

Margit Wichelmann: Das größte Problem in Port-au-Prince ist sicherlich das dort die Stadt unglaublich gewuchert ist in den letzten Jahren. Es gibt viele Menschen, die versuchen in der Hauptstadt ihr Glück zu finden, Arbeit zu finden, zumindest ein kleines Einkommen zu haben und sich deshalb dort angesiedelt haben. Beim Erdbeben sind zum einen die ganzen nicht Erdbeben sicheren Betonhäuser eingestürzt und haben viele Menschen unter sich begraben. Zum anderen sind Hänge abgerutscht, auf denen die kleinen Hütten der einfachen Menschen standen. Das größere Problem war in diesem Fall aber die „gut gebauten“ Häuser. Wenn eine Wellblechhütte über einem zusammenstürzt, erschlägt sie normalerweise keinen Menschen. Bei einem großen Betonhaus ist die Wahrscheinlichkeit viel höher. In Port-au-Prince sind die Häuser sehr unstrukturiert nebeneinander gebaut worden, weil es keine Stadtplanung gab, und wenn da ein Haus einstürzt, reißt es andere mit.

Blickpunkt Lateinamerika: Die Hilfe läuft nach dem Erdbeben nur schleppend an. Woran liegt das?

Es gibt überhaupt keine Infrastruktur für Hilfe. Vor dem Erdbeben war das Land schon sehr arm. Es gab kaum funktionierende Strukturen, kein funktionierendes Gesundheitssystem, keine Polizei. Nach dem Erdbeben gab es also keine Strukturen, auf die man zurückgreifen konnte. In anderen Ländern, wo es schon eine solche Infrastruktur gibt, wäre es in so einem Fall einfacher die Menschen zu versorgen.

Die Gründe für die Armut des Landes liegen ja in weiter Vergangenheit. Warum ist das Land in so einem Zustand?

Haiti war das erste lateinamerikanische Land, das sich 1804 die Unabhängigkeit erkämpft hat. Seitdem ist es nie richtig zur Ruhe gekommen. Das ist geschichtlich hoch komplex. Nach der Unabhängigkeit gab es interne Spannungen durch verschiedene Gesellschaftsschichten hindurch. Es ging um Macht und Wohlstand. In Haiti hat es Diktaturen und politische Unruhen gegeben, die immer weiter dazu geführt haben, dass keine stabile Regierung entstanden ist, keine funktionierende Demokratie. Die Armut und in Schwierigkeiten im System wuchsen.

Sind die Schwierigkeiten denn hauptsächlich in Haiti entstanden oder hatten andere Länder da auch ihren Anteil dran?

Haiti hat in all den Jahren selten die Gelegenheit gehabt, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Es gab ständig Beeinflussungen von außen. Von den USA, von der UNO, von Frankreich ganz am Anfang, so dass es verkürzt wäre zu sagen, dass Haiti seine Situation selbst herbeigefügt hat. Jeder internationale Akteur muss da seine eigene Rolle gut evaluieren. Die USA hat vor allem im letzten Jahrhundert Einfluss in Haiti gehabt. Es gab mehrfach US-amerikanische Besatzungen. Die Folgen waren nachhaltig und sind bis heute zu spüren. Es gab lange Zeit Versorgungsengpässe. Die US-Amerikaner haben den haitianischen Markt mit Lebensmitteln beliefert - deklariert als Entwicklungshilfe - was aber den lokalen Markt zerstört hat. Er wurde völlig unattraktiv, weil die amerikanischen Lieferungen viel billiger waren.

Sie haben nach dem Erdbeben wieder Kontakt zu den Menschen in Port-au-Prince und Umgebung gehabt. Sie finanzieren seit vielen Jahre schon Projekte in Haiti: die Ausbildung von Priestern, den Bau von Kirchen und Gemeindezentren oder den Kauf von Fahrzeugen, die sich auch auf den abenteuerlichen Straßen in Haiti sicher fortbewegen. Wie viele Leute haben ihnen von diesen Projekten geantwortet und was berichten sie?

Ich habe direkt nach dem Erdbeben an alle Projektpartner geschrieben, von denen wir die Emailadressen haben, mit der Bitte uns ein kleines Lebenszeichen zu geben. Wir wussten am Anfang überhaupt nicht, wie groß die Schäden sind und wer betroffen ist, wer lebt und wer nicht überlebt hat. Ich habe bis heute ungefähr von 90 Leuten eine Rückmeldung bekommen und seitdem haben wir viele Emails hin- und hergeschickt. Email ist im Moment die einzige verlässliche Kommunikationsform. In den Rückmeldungen schreiben fast alle, dass die Situation sehr schwierig ist. Zum einen sind sehr, sehr viele Menschen ums Leben gekommen - auch viele Projektpartner von Adveniat - entsprechend groß ist die Trauer und die Verzweiflung vor Ort. Zum anderen sind fast alle Kirchen in Port-au-Prince zerstört, viele Gemeindezentren und viele Schulen, die in kirchlicher Trägerschaft sind. Die Bandbreite ist da riesig. Die Projektpartner schreiben uns aber auch von der Hoffnung, die sie haben und die sie auch bewahren. Sie geben nicht auf, sondern zeigen sich solidarisch und kämpfen gemeinsam für ein besseres Haiti.

Die Regierung wird von vielen Seiten dafür kritisiert, dass sie sich nach dem Erdbeben nicht genug für die Bevölkerung einsetzt. Wie ist das mit den Kirchen? Adveniat unterstützt ja in erster Linie die Kirche in Lateinamerika. Können oder müssen sie sogar an einigen Stellen die Politik ersetzten, wo die sich nicht kümmert?

Die Kirche engagiert sich in vielfältiger Weise. Zum einen ist die Kirche eines der wenigen Netzwerke, die in Haiti funktionieren und auch jetzt noch funktionieren. Wir kriegen viele Rückmeldungen aus Haiti, dass zum Beispiel die Kirchengemeinden jetzt Anlaufstelle und Zufluchtsort für die Erdbebenopfer sind, die in die Pfarreien kommen und da zum Beispiel auf dem Hof des Pfarrhauses übernachten. Sie werden dort von den Gemeinden versorgt und das in allen Regionen des Landes, denn die Menschen, die in Port-au-Prince alles verloren haben, sind aus der Stadt geflüchtet.

Die Kirche engagiert sich auch in den Bereichen, in denen es darum geht, dem haitianischen Volk eine Stimme zu verleihen. Es gibt Initiativen seitens der Kirche, die die Regierung auffordern, aktiv zu werden, sich einzusetzen und sich das Zepter nicht von der internationalen Gemeinschaft aus der Hand nehmen zu lassen, damit es in Zukunft sicher gestellt ist, dass nicht über die Haitianer hinweg entschieden wird.

Unter den Opfern des Erdbebens waren viele Kinder. Davon haben eine große Anzahl ihre Eltern verloren und sind nun alleine. Jetzt kommt einigen die Idee, dass Europäer oder Menschen aus anderen Ländern diese Kinder adoptieren könnten. Es gab auch schon Leute, die von ihrer Reise nach Haiti Kinder mitgenommen haben. Wie ist Ihre Meinung dazu?

Die Familie ist in Haiti etwas ganz, ganz wichtiges. Man muss sehr vorsichtig sein in der jetzigen Situation vorschnell aktiv zu werden. Es ist der falsche Weg, Familien auseinander zu reißen und bei vielen Kindern, die gefunden werden, weiß man gar nicht, ob beide Elternteile tot sind und ob es noch andere Verwandte gibt. Die seriösen Adoptionen, die jetzt erfolgt sind, waren alle schon vor dem Erdbeben geplant. Das heißt, es sind keine Erdbebenopfer schnell aus Haiti rausgeholt worden, sondern nur Kinder, die schon Adoptiveltern hatten und nur der letzte Schritt noch ausstand. Ich warne davor, sich jetzt vorschnell für eine Adoption zu entschließen, weil dies auch illegalen Strukturen wie dem Kinderhandel ein breites Feld bietet. Man sollte warten und sich an seriöse Institutionen wenden und sich um eine Adoption in den sich bewährten Strukturen bemühen.

Sie werden im März nach Haiti fahren. Welches sind die ersten Schritte, die sie unternehmen werden, um den Haitianer zu helfen?

Wir werden im März fahren, sofern unsere Projektpartner uns das Signal geben, dass das der richtige Moment ist, denn wir wollen mit unserer Reise niemandem zusätzlich zur Last fallen. Das wichtigste Ziel unserer Reise ist, sich mit unseren Projektpartnern an einen Tisch zu setzten und gemeinsam zu überlegen wie, mit welchen Rahmenbedingungen und mit welchen Prioritäten der Wiederaufbau angegangen wird. Das können wir nicht von Essen aus alleine entscheiden. Unsere Projektpartner wissen, was am dringlichsten ist, und wir müssen gemeinsam Wege finden, wie wir möglichst gut zusammen arbeiten können.

Dann wünsche ich Ihnen dafür alles Gute und hoffe, dass Sie die Ideen der Haitianer aufnehmen können und ihre Wünsche erfüllen können.

Danke.

Das Interview führte Julia Mahncke.