Mexiko |

Der Fall Cassez wird neu verhandelt

Mit drei zu zwei Stimmen entschied der mexikanische Oberste Gerichtshof am 21. März gegen die Freilassung der Französin Florence Cassez, die eine 60-jährige Haftstrafe wegen Kidnappens in einem mexikanischen Gefängnis verbüßt. Die Richter beschlossen jedoch, dass der Fall neu verhandelt werden müsse, da bei der Festnahme die Rechte der 37-Jährigen verletzt wurden.

Als Florence Cassez und ihr damaliger Lebensgefährte Israel Vallarta Ende 2005 festgenommen wurden, befanden sich drei Geiseln auf ihrer Ranch. Christina Rios Valladares, ihr elfjähriger Sohn sowie Ezequiel Elizalede. Seit knapp drei Monaten wurde Lösegeld von ihren Familienmitgliedern erpresst. Cassez beteuert bis heute mit der Entführung nichts zu tun gehabt zu haben. „Mein einziges Verbrechen war es , die Freundin des Zodiac- Bandenchefs Israel Vallarta gewesen zu sein“, so die junge Frau.

Der Richter, dem die Französin damals fortgeführt wurde, nahm ihr das nicht ab. Gegen die 37-Jährige sprachen vor allem die Aussagen der Opfer. Beide erwachsenen Geiseln haben sie anhand ihrer Stimme identifiziert und ihr eine aktive Rolle bei den Entführungen zugesprochen. Sie habe auch Gewalt gegen die Opfer angewendet. „Sie hat meinem Sohn angedroht, ihm ein Ohr abzuschneiden“, sagte Valladares damals vor Gericht aus. Cassez wurde 2009 wegen Beihilfe zum Kidnapping zu insgesamt 90 Jahren Gefängnis verurteilt. De Strafe wurde kurze Zeit später auf 60 Jahre reduziert.

Staatsaffäre zwischen Mexiko und Frankreich

Der französische Präsident Nikolas Sarkozy hat die mexikanischen Behörden in den vergangen Jahren wiederholt um die Auslieferung der jungen Frau gebeten. Dies wurde mit der Begründung abgelehnt, dass Cassez in Frankreich eine weitaus geringere Haftstrafe verbüßen müsste. Die Auseinandersetzung um diese Frage hatte sich im letzten Jahr zu einer Staatsaffäre zwischen Mexiko und Frankreich entwickelt. Sarkozy machte nach Ablehnung der Überstellung von Cassez deutlich, dass diese Entscheidung die bilateralen Beziehungen zwischen Mexiko und Frankreich belasten werden und sagte ein landesweites Fest zur Ehrung der mexikanischen Kultur in Frankreich ab. Die Nachricht von der Abstimmung des Obersten Gerichtshofs über den Fall bezeichnete er als die einzig gute Nachricht in den letzten sechs Jahren.

Die Anrufung des Obersten Gerichtshofs in Mexiko wurde auf die Initiative des Richters Arturo Zaldivar unternommen. Er bat um die sofortige Freilassung der Französin, da ihre Rechte bei der Festnahme und während der Gerichtsverhandlungen verletzt wurden. So habe die Polizei Cassez beispielweise dazu gezwungen, die Verhaftung für das mexikanische Fernsehen nachzustellen. Das Paar wurde in einem Auto nahe Mexiko-Stadts gefasst. Im Fernsehen wurde einen Tag später die Festnahme von Vallarta und Cassez auf ihrer Ranch gezeigt. In dem Beitrag wurde sie als kaltblütige Kidnapperin dargestellt. Ihr Fall wurde weiterhin hinter verschlossenen Türen ohne Jury verhandelt. „Die Rekonstruktion der Verhaftung sowie die Darstellung von Cassez als schuldig hat das Verfahren beschädigt“, erläuterte Zaldivar.

Wenige Sympathien in Mexiko

Mexiko hat eine der höchsten Kidnappingraten weltweit und häufig werden die Opfer auch trotz der Zahlung von Lösegeld umgebracht. Nur selten gelingt es den Behörden, die Schuldigen zu verurteilen. Vor diesem Hintergrund scheint Cassez, obschon der Unregelmäßigkeiten in ihrem Fall, eine Vielzahl von Mexikanern gegen sich zu haben. In Interviews mit dem französischen TV-Sender TF1 gaben alle Befragten an, sie hielten die Französin für schuldig und es wäre gerecht, wenn sie ihre Haftstrafe in Mexiko absitzen müsse. Auch der mexikanische Präsident Felipe Calderon rief die zuständigen Richter dazu auf, nicht noch einen weiteren Fall von Straflosigkeit zu schaffen.

Die Richter des Obersten Gerichtshof haben mit ihrer Entscheidung, den Fall noch einmal aufzurollen, einen Kompromiss gefunden, der beide Seiten zufriedenstellen soll.

Text: Anna Jeske