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Das Treffen zweier Giganten

Die Frankfurter Buchmesse war einst das Vorbild, als vor 25 Jahren in improvisierten Hallen der zentralmexikanischen Industriestadt Guadalajara die erste lateinamerikanische Buchmesse (FIL) stattfand - mit gerade einmal 64 Autoren. In diesem Jahr sind es über 500 Autoren, Millionen von Büchern auf 70.000 Quadratmetern –und Deutschland ist das erste nicht-romanischsprachige Gastland in der Geschichte der mittlerweile zweitgrössten Buchmesse der Welt. Dies sei eine grosse Ehre, sagte die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Cornelia Pieper, bei der Eröffnungsveranstaltung am Samstag. Spanisch sprechen immerhin rund 500 Millionen, deutsch nur rund 100 Millionen.

Zwei Kulturkreise treffen aufeinander

Doch den Preisträger der lateinamerikanischen Buchmesse, Fernando Vallejo, dürfte sie ebensowenig gelesen haben, wie andere literarische Grössen der Region, die da neben ihr auf dem Podium saßen, zum Beispiel den Mexikaner Jorge Volpi. Während Pieper von Hochschulpartnerschaften, Austauschstudenten und Herausforderungen der Globalisierung redete, begab sich Vallejo schonungslos in die Abgründe eines geschundenen, ausblutenden, in vielen Aspekten noch mittelalterlich-feudalen Kontinents. Lateinamerika und Deutschland: zwei Kulturkreise, die unterschiedlicher nicht sein könnten, treffen in Guadalajara aufeinander. Und stehen noch dazu vor einer enormen Sprachbarriere.

Haben sich die beiden Kulturen wirklich etwas zu sagen? “Ja”, meint der mexikanische Historiker Jose Maria Muria. “Lateinamerika hat sich immer im Spiegel Europas gesehen.” Wenngleich das aus seiner Sicht fatale Folgen hatte, weil die Ideen – nicht zuletzt der Marxismus – von den lateinamerikanischen Intellektuellen ohne zu hinterfragen oder an den örtlichen Kontext anzupassen übernommen wurden. Doch diesmal will sich Deutschland anders präsentieren, abseits von der angestaubten Humboldt-Goethe-Fritz-Lang-Schiene.

Eine Messe fürs Publikum

Mit der Nobelpreisträgerin Herta Müller natürlich, aber auch jungen Autoren wie Vladimir Kaminer, beide mit Migrationshintergrund. Die Zeichen stehen auf Multikulti. So sind zweisprachige Kinderbücher ebenso ausgestellt wie eine Reihe klassischer Literatur, heruntergebrochen auf Sprachschüler-Niveau. Immer mehr Bücher aus beiden Sprachkreisen werden übersetzt und finden auf beiden Seiten des Atlantik eine treue Leserschaft, so Jürgen Moritz, verantwortlich für das deutsche Literaturprogramm auf der FIL. “Und von den 25 deutschen Autoren haben wir fast von allen Bücher auf deutsch und spanisch hier.”

Weil die FIL aber – im Gegensatz zu Frankfurt – vor allem eine Messe fürs Publikum ist, haben sich die Deutschen eine Menge einfallen lassen, um die Mexikaner an den ganz in Weiss gehaltenen Pavillon zu locken. Die Textbox zum Beispiel, eine schalldichte Plexiglaskabine, in der sich spontane Poeten einschliessen können, um die Aussenstehenden über Kopfhörer mit ihrer Perfomance zu beglücken – in einer überraschenden akustischen Intensität, abgeschirmt von der Aussenwelt. Ein Publikumsrenner, nach dem Andrang am Samstag zu schliessen. Oder, für die Nachtschwärmer, deutsch-mexikanische Rap und Techno-konzerte, gemischt mit etwas Balkan-Folklore. Zumindest im musikalischen Rahmenprogramm scheint der interkulturelle Spagat geglückt.

Autorin: Sandra Weiss