Uruguay |

Das kleine Zeitungswunder

Weltweit verzeichnen fast alle Zeitungen Einbrüche bei ihren Auflagen. Trotzdem wagten in Uruguay ein paar Unbeirrbare die Gründung von „La diaria“ als Kollektivbetrieb. Und das Konzept ging auf, wie Chefredakteur und Mitbegründer Marcelo Pereira berichtet.

Was für ein Medium ist „La diaria“?

„La diaria“ ist eine Tageszeitung, die montags bis freitags im Tabloid-Format auf 16 Seiten erscheint. Im März dieses Jahres ist sie 5 Jahre alt geworden. Es ist eine Zeitung, die nur im Abonnement verkauft wird. Wir haben uns so entschieden, um die kriminellen Strukturen beim Kiosk-Verkauf zu umgehen. Das heißt, wir haben auch ein eigenes Vertriebssystem aufgebaut. Deshalb können wir die Zeitung auch für umgerechnet etwa 60 Cent verkaufen - andere Blätter kosten mindestens einen Euro. Die Zeitung wird im ganzen Land gelesen. Und sie wird von einem Kollektiv betrieben, die Vollversammlung ist unser höchstes Entscheidungsgremium.

Angefangen haben wir mit 1.050 Abos. Unsere ersten Abonnenten fanden wir über Freunde und Bekannte und jetzt haben wir 7.000. Das heißt: ein Abo pro 500 Einwohner. Für Uruguay ist das viel, wir sind damit zweitgrößte Tageszeitung hinter der sehr konservativen "El País" mit einer Auflage von täglich 10.000 Zeitungen.

Das heißt, im kriselnden Markt ist die Auflage stetig gewachsen?

Wir sind wie die Kinder: Die werden auch immer größer, während die Erwachsenen gleich groß bleiben. Und auf einmal sind die Kinder dir über den Kopf gewachsen. Bei allen anderen Zeitungen in Uruguay stagnierte die Auflage oder brach ein. Noch wissen wir nicht, wo die Grenze unseres Wachstums ist. Wenn wir aber 10.000 Abos erreichen könnten, dann wären unsere Kosten dadurch komplett gedeckt.

Über welche Themen berichtet die Zeitung - und wen will das Blatt erreichen?

Wir richten uns vor allem junge Leser bis 35 Jahre. Statt immer noch jede Nische bedienen zu wollen, haben wir es anders herum gemacht: Die Menschen lesen im Durchschnitt täglich 20 Minuten Zeitung. Wir wollen ihnen eine Zeitung geben, die sie in dieser Zeit komplett durchlesen können.

Auf 16 Seiten kann man Manches nicht bringen, anderes, wie Sportergebnisse, sind ein Muss. Sonst sagen die Leute: Das ist ja keine Zeitung! Ereignisse wie den Angriff auf Libyen oder das Atomunglück in Japan können wir auch nicht außen vor lassen. Doch abgesehen davon wollen wir Themen einen Platz einräumen, die andere Zeitungen gar nicht bringen: soziale Bewegungen, Genderthemen, Umweltthemen, Minderheitenrechte oder die gleichgeschlechtliche Ehe. Da sind die anderen Zeitungen eher antiquiert, auch im Stil. Bei uns hingegen ist der persönliche Stil der Schreibenden sogar gewünscht, auch bei Nachrichten.

Und unsere Fotografen spielten von Anfang an eine große Rolle. Fotos werden in Uruguay üblicherweise ohne Bildunterschrift abgedruckt. Es erscheint weder der Name des Fotografen noch Tag und Ort der Aufnahme. Also weiß man nicht: Ist dieses Foto von gestern oder aus dem Archiv? Das ist bei "La diaria” nicht so. Zudem sind alle Fotos schwarz-weiß. Die Bilder sind mittlerweile sehr berühmt in Uruguay.

Was hat es mit dem eigenwilligen Namen „La diaria“ auf sich?

Nun, das ist ein Wortspiel. Wortspiele machen wir überhaupt gern, auch bei unseren Titeln. „El diario“ heißt auf Spanisch: Die Tageszeitung. „La diaria“ bedeutet in Uruguay und Argentinien aber auch „das Auskommen, das Grundeinkommen, das Überlebensnotwendige“. Wenn jemand mit einem Job seine Miete und sein Essen bezahen kann, dann sagt er dieser Job ist „la diaria“.

Unsere Zeitung ist zwar eine kleine Zeitung, aber wir wollen, dass es wichtig wird, sie täglich zu lesen. Auch in diesem Sinne ist sie "la diaria". Und nun ist sie durch den Artikel auch noch weiblich. Aber es handelt sich auch um eine Zeitung mit einer anderen Sensibilität.

Kann „La diaria“ auch für seine Mitarbeiter la diaria sein - und ihnen ein Auskommen bieten?

Einnahmen und Ausgaben halten sich jetzt ungefähr die Waage, aber wir haben noch Schulden aus der Anfangszeit. Und Kredite zu bekommen ist schwierig, weil unsere Rechtsform so ungewöhnlich ist. Noch bezahlen wir uns sehr schlecht - und die Unterbezahlung ist auch eine Maßnahme, das Projekt zu finanzieren. Das geht, weil die Leute sehr jung sind, aber wenn sie Kinder kriegen, wird es schon schwierig. Mit dem Lohn kann jemand, der bei uns fünf bis sechs Stunden arbeitet, seine Miete bezahlen. Die meisten haben noch zwei andere Jobs, arbeiten etwa als Korrespondent für Auslandszeitungen. Trotzdem bleiben die Leute bei uns. Es ist wie mit dem Vogel in der offenen Hand. Er könnte wegfliegen, aber er will gar nicht - und bleibt sitzen. Die Unabhängigkeit der Zeitung gibt dir eine Freiheit in der Arbeit, die du in keinem anderen Medium hast.

Wer arbeitet für diese Zeitung?

Insgesamt haben wir 150 Mitarbeiter. Ungefähr 30 davon sind Journalisten und Fotografen. Der Altersdurchschnitt liegt bei unter 30 Jahren. Viele die bei uns schreiben, sind Anfang 20, die Lektoren um die 40 Jahre alt und fast alle haben Journalismus studiert.

Das Interview führte Bettina Hoyer