Argentinien |

Das Ende aller Menschlichkeit

Immer dienstags wurde entschieden, wer weiterleben durfte. Mittwochs, am Tag nach der Sitzung, hieß es antreten. Den Kandidaten teilte man mit, sie würden in ein sicheres Gefängnis im Süden verbracht. Sie bekamen vermeintliche «Vitaminspritzen», schliefen ein und wurden über dem offenen Meer aus dem Flugzeug geworfen: zu Dutzenden, Hunderten, Tausenden.

Das ganze fand in Farbe statt, nicht etwa in Schwarzweiß: Die Rede ist nicht von finsteren Nazischergen, sondern von Argentinien, vor gar nicht allzu langer Zeit. Während der Militärdiktatur (1976-1983) verschwanden systematisch Zehntausende in landesweit rund 500 Folterzentren. Sie wurden misshandelt, getötet, im Namen einer «Ordnung», die niemand wirklich wünschen kann. Der Internationale Tag gegen Folter am 26. Juni erinnert an solche und andere barbarische Verbrechen, die Menschen anderen Menschen antun.

Entmenschlichung durch Nummernvergabe

Ana Maria Ballestrino sitzt in einem Tagungsraum der ESMA und berichtet, was ihr widerfahren ist. Die «Escuela Mecanica de la Armada», bis 2003 Militärschule und einst das berüchtigtste Foltergefängnis des Landes, ist der richtige Ort dafür. Bis heute stehen auf dem 17 Hektar großen Gelände die Überwachungstürme, von denen aus die ankommenden PKW mit den Verschleppten kontrolliert wurden.

Die Entmenschlichung begann mit der Nummernvergabe: 000 bis 999 statt eines Namens. Niemand weiß, wie oft dieses dreistellige System durchlief; fünfmal wahrscheinlich. 5.000 Seelen in den Händen von Folterknechten. Nur 200 wurden wieder freigelassen, vermutlich, umdie Nachricht über das Grauen dosiert in der Bevölkerung zu streuen.

Elektroschocks erhielten die Häftlinge, sie sahen nie das Licht, mit Fußfesseln und einer Kapuze über dem Kopf. Die Folterer drückten ihnen Zigaretten auf der Haut aus. Das Essen war ekelhaft, ungenießbar, und immer die Schreie der anderen. Quälen bis zur Bewusstlosigkeit; Medizin diente zur Reanimation, um weitere Folter zu ermöglichen. «Alles, was dich zum Menschen macht, unterdrückten sie», sagt Ana Maria tonlos.

Viele wussten davon, diffus, aber man sprach nicht darüber. Eine eingeschüchterte Gesellschaft. Dabei war man dem Regime durchaus auf der Spur: 1979 besuchte die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH) die ESMA. Die hektischen Umbauten, die die Wahrhaftigkeit von Zeugenaussagen über die Räumlichkeiten ad absurdum führen sollten, sind bis heute zu sehen: eine zugebaute Veranda mit Fliegengittern im Inneren, groteske Holzvertäfelungen, die Kellerabgänge verdeckten. Ständig wurden Mauern versetzt, Zimmer- und Zellennummern variiert, um Widersprüche zu erzeugen.

Eine Schwangerschaft in der Folterhaft war ein sicheres Todesurteil. Eine Woche verblieb die Mutter beim Neugeborenen, dann wurde sie abgeworfen. Und Ana Maria war schwanger. 16 war sie damals, als sie an jenem 13. Juni 1977 auf offener Straße in einen Wagen der Geheimpolizei gezerrt wurde. 16 und sehr politisch, wie alle in ihrer Familie. Singen sollte sie, die Kontakte der Eltern verpfeifen, ihre Freunde. Sie tat es nicht.

Zwei Freianrufe hatten die Mädchen

Als die Tochter verschwand, ging Ana Marias Mutter zu den «Müttern der Plaza de Mayo». Und sie blieb weiter dort, als Ana Maria wie durch ein Wunder überlebte und freigelassen wurde, mit mehr als 100 Foltermalen an ihrem Körper. Die Mutter blieb zurück, auch als sie den beiden Töchtern die Ausreise nach Schweden ermöglicht hatte.

Zwei Freianrufe hatten die Mädchen: einen, in dem sie ihre sichere Ankunft mitteilten. Den zweiten sparten sie sich auf, um am 11. Dezember 1977 die gesunde Geburt von Enkelin Anita verkünden zu können. Doch es wurde ein traumatisches Telefonat. Drei Tage zuvor, am 8. Dezember, war die Leitungsspitze der «Mütter der Plaza de Mayo» verraten und verhaftet worden. Die Leiche von Ana Marias Mutter wurde später an der Küste Uruguays angeschwemmt.

Schon 1984 kehrte Ana Maria in ihr Heimatland, das Land ihrer Folterer, zurück. Warum? Die 51-jährige Psychoanalytikerin zuckt mit den Schultern: «Der eine will damit abschließen und nichts mehr hören. Der andere will herausfinden warum. Kampf, das ist mein Platz im Leben.»

Autor: Alexander Brüggemann, KNA