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Mexiko, USA |

Das Doppelleben von Mexikos mächtigstem Mafiajäger

Mexikos Präsident Andrés Manuel López Obrador hat dieser Tage gut lachen. Jedenfalls dann, wenn er in New York ein Gerichtsverfahren verfolgt, in dem der berüchtigte „Krieg gegen die Drogen“ seiner Vorgänger aufgeblättert wird. Angeklagt ist dort der frühere oberste Mafiajäger, Genaro García Luna. Was ein Prozess gegen den Ex-Sicherheitsminister in den USA über Kartelle und ihre Korruption erzählt.

Genaro García Luna steht in den USA vor Gericht. Foto: twitter

Vor einem Geschworenengericht im Ortsteil Brooklyn muss sich der frühere Sicherheitsminister Genaro García Luna (54) unter Präsident Felipe Calderón jetzt für den Vorwurf rechtfertigen, er habe in seinem Amt gar nicht so sehr die Mafias gejagt, sondern vielmehr dem Sinaloa-Kartell dabei geholfen, sich als vorherrschendes Syndikat zu etablieren. Dabei habe er Bestechungsgelder in astronomischer Höhe eingestrichen. García Luna war auch ein enger Verbündeter der USA, weshalb auch Washingtons damalige Kooperation mit Mexiko mittelbar auf der Anklagebank sitzt.

Realität übertrifft Fiktion

García Luna ist eine in Mexiko berühmt berüchtigte Persönlichkeit, um die sich schon in seinen Amtsjahren von 2006 bis 2012 viele Legenden und Gerüchte rankten. In diesen Jahren soll er von der Organisation des früheren Drogenbosses Joaquín „El Chapo“ Guzmán und seinen Alliierten bis zu 1,5 Million Dollar pro Tag kassiert haben, wie Zeugen aussagen. Bisweilen sei der Minister bei der Übergabe von Kokainladungen anwesend gewesen, habe sich mit den obersten Mafiabossen zum Essen getroffen. García Luna soll das Kartell auch mit Fahrzeugen und Uniformen der Sicherheitskräfte ausgerüstet haben, er ließ Festnahmen medienwirksam „wiederholen“, Geständnisse unter Folter erpressen. Mindestens einmal zahlten ihm Angehörige des Sinaloa-Kartells so viel Schmiergeld, dass er es nicht in seinen SUV bekam und ein größeres Fahrzeug beschaffen musste. Manche Zeugenaussagen in dem seit Mitte Januar laufenden Verfahren klingen wie Räuberpistolen. Aber in Mexiko war die Realität schon immer wahnwitziger und grotesker, als es jede Netflix-Serie inszenieren könnte. 
 
Und für Amtsinhaber López Obrador belegt der Prozess nach seinen eigenen Worten, was er schon immer behauptet: „Die Vorgängerregierungen waren korrupt.“ Genüsslich berichtet der Präsident fast täglich in seinen morgendlichen Pressekonferenzen von den Details des Vortages aus Brooklyn und nennt den Prozess amüsiert eine „Tragikomödie“. Dass es in seiner eigenen Amtszeit beim Kampf gegen die Kartelle nicht viel besser aussieht, verschweigt López Obrador geflissentlich. 

Einblicke in Macht und Mafia 

Vor seiner Zeit als Sicherheitsminister leitete García Luna unter Präsident Vicente Fox (2000-2006) die polizeiliche Sonderermittlungseinheit AFI. Vor allem als Sicherheitsminister war der studierte Ingenieur für den Kampf gegen die Kartelle verantwortlich, den Calderón ausrief und der nichts außer Gewalt, Tod und Leid über Mexiko brachte. Nach Ende seiner Amtszeit setzte sich García Luna in die USA ab und gründete dort einen Sicherheitsdienst. 
 
Offiziell angeklagt ist der 2019 in Dallas festgenommene Ex-Minister nicht nur wegen der Zusammenarbeit mit dem Sinaloa-Kartell und der Annahme von Bestechungsgeld in Millionenhöhe, sondern auch wegen Rauschgiftschmuggel. „Buchstäblich Tonnen“ von Kokain habe das Sinaloa-Kartell während der Zusammenarbeit mit García Luna in die USA geschickt, sagte Staatsanwalt Philip Pilmar bei der Prozesseröffnung. Der Angeklagte ist der ranghöchste mexikanische Beamte, dem je in den USA der Prozess gemacht wurde. Und kaum ein Verfahren zuvor erlaubte so tiefe Einblicke in die Verstrickungen von Macht und Mafia in Mexiko. Man versteht schon nach wenigen Prozesstagen, wie sehr die Kartelle Politiker auf höchster Ebene und Sicherheitskräfte auf lokaler, bundesstaatlicher und nationalstaatlicher Ebene für sich arbeiten ließen.
 
Zeugen der Anklage, unter ihnen ehemalige Mitglieder der Kartelle, Mitarbeiter der US-Antidrogenbehörde DEA oder Ex-Polizisten zeichnen ein erschreckendes Bild. Demnach waren ständige Treffen zwischen hohen Narcos und García Luna die Regel, ebenso wie Bestechungsgelder an hohe Regierungsbeamte und Offiziere von Bundespolizei und anderen Einheiten der Polizei. Harold Poveda, ein kolumbianischer Capo aus der mittleren Hierarchie des mit Sinaloa befreundeten „Beltrán-Leyva-Kartells“ berichtete: „Beltrán sagte mir, ich müsse 300.000 bis 400.000 Dollar aufbringen, um die Regierung zu bezahlen“. Aber es hätte sich gelohnt. „Wir konnten Straßensperren und Alkoholkontrollen ungehindert passieren. Die Polizisten haben sich sogar bei uns entschuldigt, wenn sie uns gestoppt haben“. 

Ein Prozess in den USA
 
Beobachter kritisieren, dass das Verfahren gegen den Ex-Minister in den USA stattfindet. „Es ist bedauerlich, dass es Mexiko nicht schafft, die großen Drahtzieher selbst anzuklagen“, sagt Edgardo Buscaglia, Experte für Organisierte Kriminalität in Mexiko. „So kommt wenig bis nichts von den politischen Netzwerken ans Licht.“ Auch blieben die Finanznetzwerke und die Besitztümer in der legalen Wirtschaft unberührt, urteilt Buscaglia, der als Dozent an der Columbia-Universität in New York und der Universität von Turin lehrt. „So bleibt die Anklage limitiert und die Zerschlagung des Kartells illusorisch." 
 
Nicht mit auf der Anklagebank sitzen in Brooklyn die US-Politik und ihre Drogenfahnder. Dabei wusste die DEA offenbar schon früh, dass García Luna sich massiv bestechen ließ. Auch in den Reihen der Politik wurde der Sicherheitsminister als Verbündeter und Kämpfer gegen die Kartelle gesehen und nicht als deren stiller Diener. 2009 posierte die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton auf der Pritsche eines Fahrzeugs der Bundespolizei mit dem Angeklagten. Dieses Foto und andere mit führenden US-Politikern möchte die Verteidigung in den Prozess einbringen, um zu zeigen: Genaro García Luna war ein sauberer Mafiajäger, immer auf der Seite der Guten und des Gesetzes. 

Autor: Klaus Ehringfeld

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